Fußball

Der Hütteldorfer Wödmasta war seiner Zeit heraus

Am Abend vor dem 100. Geburtstag von Ernst Happel am Samstag präsentierte Rapid in Anwesenheit seiner Enkelin Christina und Urenkelin die Würdigung an den „Hütteldorfer Wödmasta“, eine Sonderausstellung im Rapideum, dem Rapid-Museum, die bis April 2026 zu sehen ist.  Als Spieler war er WM-Dritter 1954, viermal Meister mit Grün-Weiß, sein größtes Spiel lieferte der „Stopper“, wie damals der Innenverteidiger genannt wurde, am 14. November 1956 im Europacup der Meister gegen Real Madrid. Nach dem 2:4 im Bernabeu-Stadion erzielte Innenverteidiger Happel mit zwei Freistößen und einem Elfmeter alle drei Tore zum 3:1. Es war das erste Flutlichtspiel im Wiener Praterstadion, daher spielte Rapid in roten Dressen. Einer mit ihm. Happels Rückennummer drei ist in der Vitrine zum Real-Spiel zu sehen.

Sogar noch unvergesslicher blieb Happel als Erfolgstrainer. Es gibt eigentlich keinen Klub, der nach ihm so erfolgreich war wie mit ihm. Egal, ob ADO Den Haag, Feyenoord Rotterdam (zweimal Sieger im Europacup der Meister, einmal im Weltpokal), der FC Brügge (dreimal Meister, einmal Finalist im Europacup der Meister) oder der Hamburger SV, den er einmal zum Triumph im Europacup der Meister führte, zweimal zum Meistertitel und einmal zum Pokalsieg. Mit Holland wurde er bei der WM 1978 in Argentinien Vizeweltmeister, verlor im Finale gegen Argentinien nach Verlängerung 1:3. In der letzten Minute der regulären Spielzeit traf Hollands Rob Resenbrink nur die Stange. Da fehlten nur Zentimeter und Happel wäre wirklich Weltmeister geworden und nicht nur „Wödmasta“. Den Spitznamen bekam er für seine Leistungen bei der WM 1954.

Happel war als Trainer seiner Zeit voraus. Das moderne Pressing war bereits bei ihm aktuell, nur nicht unter diesem Namen. Journalisten blieben viele Erinnerungen an ihn. Bei seinen Stationen im Ausland bevorzugte er die össterreichischen. So ging er nach dem verlorenen WM-Finale im River Plate-Stadion nicht zur internationalen Pressekonferenz, sondern redete mit seinen Landsleuten an der Bar. Legendär ist seine Geschichte vom Empfang der Vizeweltmeister bei der holländischen Königin Juliana. Happel wollte rasch weg, in den Urlaub an den Wörther See fahren, daher sagte er zu Julianas Enkel Willem Alexander, damals elf Jahre alt, heute Hollands König; „Sag der Omama, sie soll anfangen. Ich muss nach Velden!“

Zu den „Journalisten-Pflichten“ in seiner Hamburg-Zeit zählt es, ihm Lebensmittel aus Wien mitzubringen. Bei mir war es einmal das „G´selchte“ und ein Roter Rüben-Salat. Ich kann mich noch an das entsetzte Gesicht von Hamburgs Manager Günter Netzer erinnern, als Happel vor dem damaligen Nordderby in Braunschweig im Kabinengang in aller Ruhe den Roten Rüben-Salat genoss. 1983 gewann er mit dem HSV in Athen das Europacupfinale gegen Juventus 1:0, beim Siegesbankett danach ließ er nur österreichische Journalisten an seinen Tisch. Ich war auch 1987 bei seinem letzten Match mit den Hamburgern, dem deutschen Pokalfinale in Berlin. Beim Spaziergang am Abend davor befahl er plötzlich, die Straßenseite zu wechseln. Weil uns sein ehemaliger Rapid-Mitspieler, Max Merkel, entgegenkam. Der war als Kolumnist von „Bild“ ein Feindbild,  der nicht grüßen wollte.

Probleme hatte ich nur in seiner Zeit beim FC Tirol. Weil ich respektlos nach einem 1:0-Auswärtssieg gegen Admira von einem „Alpen-Catenaccio“ schrieb, das Happel spielen ließ. Danach lehnt er es ab, mit dem „Zauberer“ zu reden. Das änderte sich, als er, bereits vom Lungenkrebs gezeichnet, 1992 österreichischer Teamchef wurde. Unvergesslich, wie er bei der Präsentation im Tabakmuseum auf der Mariahilfer Straße, als es um die WM-Qualifikation ging, ganz ruhig sagte: „Na, dann qualifizier ma´uns halt!“ Irgendwann meldete sich ÖFB-Pressechef Heinz Palme mit der Frage bei mir, ob ich nicht ein Interview mit Happel machen wolle. Ich konnte das nicht glauben, aber der Termin wurde ausgemacht. Auf mein Klopfen öffnete Happel die Tür zu seinem Büro, schüttelte mir die Hand: „Na endlich können wir wieder miteinander reden!“

Und dann schoss Österreich beim ersten Qualifikationsspiel, beim 0:2 gegen Frankreich im Parc de Prince, kein einziges Mal auf das Tor des Gegners. Das musste Happel zuvor in seiner ganzen Trainerkarriere noch nie erleben; „Das ist mir noch nie passiert“, sagte er mehrmals kopfschüttelnd während der Wartezeit am Pariser Flughafen Orly. Das zweite gewann Österreich im Prater gegen Israel 5:2, zwei Tore erzielte Andreas Herzog. Das war am 28, Oktober 1992 sein letztes Match auf der Trainerbank. Am 14. November 1992, genau 36 Jahre nach seiner Gala gegen Real Madrid,  starb er in der Uni-Klinik Innsbruck. Vier Tage später lag beim 0;0 zwischen Deutschland und Österreich in Nürnberg Happels schwarze Kappe mit der Sponsoraufschrift „Funkberater“ auf der Trainerbank, Monate danach wurde das Praterstadion nach Happel benannt.

Foto: SK Rapid.

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