94 Tage vor Österreichs erstem Spiel bei der Weltmeisterschaft in den USA gegen Jordanien in San Francisco lieferte Rangnick mit seinem ersten Kader im WM-Jahr einigen Diskussionsstoff. Vier Neulinge, acht Innenverteidiger und zwei Rückkehrer. Die erste Einberufung von Paul Wanner und Carney Chukwuemeka kam erwartet, die Mittelfeldspieler von Hollands Meister PSV Eindhoven und Borussia Dortmund haben zusammen einen Marktwert von 43 Millionen Euro. Rangnick sieht sie zurecht als Teamspieler für die nächsten zehn Jahre. Etwas unerwartet erhielten Florian Wiegele, der steirische 2,05-Meter-Tormannriese vom tschechischen Spitzenklub Viktoria Pilsen und Innenverteidiger David Affengruber, der mit Aufsteiger Elche Drittletzter der spanischen La Liga ist und in den elf Runden dieses Jahrees keinen Sieg feierte, ihre erste Chance. Der Niederösterreicher mit Sturm-Graz-Vergangenheit wird Donnerstag 24 Jahre alt, für ihn war die Nominierung ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk.
Affengruber ist einer von acht Innenverteidigern unter den 22 Feldspielern. Zwei von ihnen, Kapitän David Alaba und Max Wöber, werden nach dem Kurztrainingslager in Marbella wegen ihrer Verletzungen zu 99 Prozent weder gegen Ghana am 27. März noch vier Tage später gegen Südkorea im Happel-Stadion spielen. Wöber hat eine siebenmonatige Leidenszeit hinter sich, wegen einer Sehnenverletzung seit August nicht mehr gespielt. Für beide Linksfüßer gilt: Sie haben Rangnick bisher überzeugt, daher hofft er bis zum letzten Moment, sie bei der WM zur Verfügung zu haben. Die anderen sechs Innenverteidiger sind Kevin Danso, Philipp Lienhart, der seit Jänner wegen einer Bauchmuskelzerrung nicht mehr spielte, bei Freiburg inzwischen voll im Mannschaftstraining steht, Stefan Posch, Werder-Bremen-Kapitän Marco Friedl, Affengruber und Michael Svoboda, Kapitän beim FC Venezia, dem Tabellenführer von Italiens Serie B. Er hatte vor zwei Jahren in der Nations League zwei Kurzeinsätze, bei denen er Rangnick gut gefiel. Dann stoppte ihn ein Kreuzbandriss, jetzt folgt eine neue Chance. Affengruber und Svoboda müssen sozusagen vorspielen, so ist zu erklären, dass Leopold Querfeld nur auf Abruf bereitsteht. Er versäumt bei Union Berlin nur ein Spiel wegen seiner Gelbsperre. Es spricht nichts gegen den Ex-Rapidler. Aber bei ihm weiß Rangnick, dass er auf ihn vertrauen kann. Das bewies Querfeld auch vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft.
Die zwei Heikehrer sind Sasa Kalajdzic und Ex-LASK-Tormann Tobias Lawal. Die Entscheidung, Kalajdzic zurückzuholen, war sicher die beste mit Blick auf die WM. Auch wenn sich der 28-Jährige, der Freitag beim 0:0 des LASK gegen Hartberg acht Schüsse abgab, was den Höchstwert der Bundesligarunde bedeutet, noch lange nicht bei hundert Prozent sieht, kann er helfen. Das letzte seiner vier Tore für Österreich erzielte er am 26. Juni 2021 im Londoner Wembley-Stadion beim 1:2 im EM-Achtelfinale gegen den späteren Europameister Italien (Bild). Danach kam der zweite Kreuzbandriss seiner Karriere. Das letzte seiner 19 Länderspiele war am 21. November 2023 bei 2:0 gegen Deutschland im Happel-Stadion. Danch riss zum dritten Mal das Kreuzband. Rangnick hielt während der für Kalajdzic so schweren Zeit stets telefonischen Kontakt zu ihm, jetzt darf der zwei Meter große Sturmtank mit spielerischen Qualitäten auf die WM-Teilnahme hoffen. Das sieht er auch als Belohnung: „Ich habe drei Jahre lang geackert wie ein Hund!“
Rangnick holte auch Xaver Schlager und Patrick Wimmer, die am Wochenende nach Verletzungen ihren ersten Einsatz als Joker hatten. Sicher diskutieren kann man, ob Rapids Kapitän Matthias Seidl, der auf der Abrufliste steht, nicht eher einen Platz im Kader verdient hätte als der 32 jährige Wolfsberg-Routinier Alessandro Schöpf.
Foto: Cristoph Birbaumer.