Fußball

Einzigartig als Mensch und Präsident: Rapid trauert um Rudi Edlinger

Er wollte Donnerstag gegen Sorja Luhansk und auch Sonntag gegen Ried auf der Tribüne sitzen. Das gehörte zu den  Gewohnheiten von Rudi Edlinger bei Rapids Heimspielen, sofern er sein Terminkalender erlaubte. Aber das schaffte er Donnerstag nicht mehr. Seit Samstag wehen schwarze Fahnen vor dem Allianz-Stadion, dessen Bau er in seiner Ära als Präsident von 22. Oktober 2001 bis 18. November 2013, der zweitlängsten eines Präsidenten in der Klubgeschichte, auf Schiene gebracht hatte. Edlinger verstarb  im 82. Lebensjahr nach schwerer Krankheit. Somit war das 3:0 gegen Wolfsberg vor zwei Wochen das letzte Rapid-Spiel, das er live miterlebte. Gegen Ried wird Rapid mit Trauerflor spielen, es gibt eine Trauerminute, im Rapid-Museum, dem Rapideum, liegt ein Kondolenzbuch auf.

Das letzte Mal traf ich Edlinger im Frühjahr bei einem der „Geisterspiele“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Da saß er allein auf der Tribüne, musste am Weg zu seinem Platz eine Rast einlegen: „Ich hab´Probleme mit der Luft“, sagte er, „ich hab´früher zu viel geraucht und zu spät damit aufgehört!“  In seinen zwölf Jahren als grün-weißer Boss gab es einige Meinungsverschiedenheiten: „Du machst es einem auch nicht leichter“, meinte er kurz nach seinem Amtsantritt zu meinen Forderungen, den bei Werder Bremen nicht mehr glücklichen Andi Herzog nach Hütteldorf zurückzuholen. Aber er holte ihn doch zurück. Er war, wie es der grün-weiße Fußballgott Steffen Hofmann treffend formulierte, einzigartig als Mensch und Funktionär. Hofmann bezeichnete ihn als seinen Wiener Opa.

Seit seiner Jugend war Edlinger Rapid-Fan, Stammgast auf der legendären Pfarrwiese. 1986 kam er auf Bitten des legendären Gewerkschaftschefs Anton Benya ins Rapid-Kuratorium. Damals war Edlinger Wiener Stadtrat für Wohnbau, elf Jahre später wurde er Finanzminister. Das blieb er bis 2000. Ein Jahr später übernahm er Rapid. Trotz eines Schuldenbergs von rund fünf Millionen Euro. Dennoch kündigte er forsch an: „In drei Jahren wird der Meisterteller wieder dort sein, wo er hingehört. In Hütteldorf!“ Damals war Rapid auf Rang sieben mit Lothar Matthäus als Trainer, den Gerhard Randa als Chef von Sponsor Bank Austria installiert hatte. Edlinger erkannte bald, dass Matthäus nicht zu Rapid passte, trennte sich von ihm. Holte Josef Hickersberger. Mit ihm dauerte es etwas länger als erhofft bis zum Meistertitel. Aber 2005 jubelte Rapid mit dem Teller. Dazwischen musste Rapid mit dem überraschenden Ausstieg der Bank Austria als Sponsor fertig werden. Das gelang Edlinger dank seiner Kontakte mit Manager Werner Kuhn an seiner Seite, zu dem er hundertprozentig stand. Wien Energie steht seit damals auf den Rapid-Dressen. Bis heute.

In diesen Zeiten musste Edlinger auch mit dem Einstieg von Red Bull bei Salzburg fertig werden. Das merkte er bald, als mit Andi Ivanschitz ein Schlüsselspieler, der aus Rapids Nachwuchs kam, den finanziellen Verlockungen aus er Festspielstadt nachgab. Die Hälfte einer Transfersumme war aber verpfändet. An die Bank Austria, die bei ihrem Ausstieg auf Rückzahlung einiger vorab geleisteter Gelder bestand. Das waren keine einfachen Monate damals. Meistertrainer Josef Hickersberger nahm das ÖFB-Angebot, Teamchef bei der Heim-EM 2008 zu werden, an. Edlinger ließ ihn ohne böse Worte ziehen. Ebenso Kapitän Hofmann zu 1860 München. Dessen Rückkehr nach einem halben Jahr machte Edlinger zur Präsidentensache. Der einzige Transfer, den er selbst über die Bühne brachte. Ansonst vertraute er stets den sportlichen Verantwortlichen. Zoran Barisic, heute Sport-Geschäftsführer, bezeichnet  Edlinger als väterlichen Freund, der ihn nie fallen ließ, seines dazu beitrug, dass er heute diesen Job hat. Denn intern wurde Edlingers Stimme auch als Ehrenpräsident, der er ab November 2014 war, gehört. Er trennte sich, als er der „Boss“ war, nur von jemanden, bei dem er sich hintergangen fühlte. Das war von einem Tag auf den anderen bei Rapids letztem Meistertrainer so, als dessen Kontakte zu Red Bull-Boss Didi Mateschitz bekannt wurden. Da musste Peter Pacult nach fast fünf Jahren von einem Tag auf den anderen gehen. Was Edlinger wahrscheinlich wenig später schon leid tat.

Die sportlichen Erfolge seiner Ära: 2005 und 2008 Meister, 2005 Qualifikation für die Champions League, viermal Qualifikation für die Gruppenphase der Europa League. Und er brachte auch in Sachen Infrastuktur viel auf den Weg: Die komplette Überdachung des Hanappi-Stadions, die Tiefgarage,  eine neue Geschäftsstelle, ein schmucker Fanshop, die Rasenheizung, die Anfänge des Trainingszentrums beim Happel-Stadion, in das drei Millionen investiert wurden und vor allem das neue Stadion. Er kämpfte erfolgreich dafür, dass es an der traditionellen Stätte errichtet wurde. Natürlich fielen in seine Ära auch die Probleme mit den Fans, für die er eigentlich stets ein offenes Ohr hatte. Aber es gab den Abbruch in Eisenstadt bei Rapid-Arsenal, in Hütteldorf den Platzsturm beim Derby gegen Austria und sonst noch einige Vorfälle, nach denen man nicht zur Tagesordnung übergehen konnte. Etwa beim Europacupspiel in Saloniki.  Zunächst stand er für rigorose Maßnahmen dagegen, Stadionverbote etc., aber die Amnestien kamen regelmäßig. Meist in aller Stille. Edlinger stand für Empathie und Menschlichkeit. Einer, der immer an das Gute glaubte.

Rapids amtierender Präsident Martin Bruckner nannte Edlinger als Vorbild. Bruckner agiert ähnlich zurückhaltend wie früher Edlinger. Der drängte bei Erfolgen nie in den Vordergrund, Sprüche zu klopfen war nicht sein Stil. Eine der wenigen Ausnahmen, ein Seitenhieb in Richtung Salzburg, gab es im August 2009, als der damals 22 jährige Christopher Trimmel, der noch kein Stammspieler war, in den letzten sechs Minuten durch einen Hattrick für ein 5:1-Sieg gegen den FC Kärnten sorgte: „Wir kaufen keine Stars, wir produzieren sie selbst“, sagte Edlinger in seiner Freude. Er übernahm aber immer in schwierigen Zeiten die Verantwortung. So war er. Auch deshalb schätzten ihn so viele. Einiges, was nach seinem Rücktritt bis heute passierte, verstand er nicht. Bei ihm hätte es so manche Personalie  nie gegeben. Daraus machte er kein Geheimnis. Aber nur intern. Wenn er mir verriet, was er nie zugelassen hätte, was total gegen seine Grundsätze lief, folgte stets der Satz: „Aber das bleibt unter uns!“ Edlingers Wunsch war mir immer Befehl.

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