Wenn eine Mannschaft, die 13 Minuten vor Schluss drei Tore zurückliegt und vor einer Niederlage steht, Standing Ovations von ihren Fans bekommt, dann ist das ungewöhnlich. Aber nicht deshalb wird die LASK-Heimpremiere ind er Champions League vor 18.910 Fans in der Oberösterreich-Arena historisch bleiben, sondern weil sie in den Rekordbüchern landete: Denn das 3:6 (0:3) gegen Liverpool ist das Champions League-Spiel in der Klubgeschichte der „Reds“, in dem die meisten Tore fielen. Bisher waren acht die Rekordzahl, jetzt sind es neun. Ungewöhnlich war an dem denkwürdigen Abend auch, dass die „Reds“ aus Liverpool in weißen Trikots spielten, die Schwarz-Weißen aus Linz in roten. Herzliche Szenen auch nach dem Schlusspfiff im Raum für die Flash-Interviews für die TV-Anstalten: LASK-Tormann Lukas Jungwirth wartete vor der Liverpool-Kabine, bekam das grüne Trikot von Liverpools Tormannstar Allison Becker, es gab ein Gruppenbild von Melayro Bogarde und Xavier Mbuyamba mit den Liverpool-Holländern Jeremy Frimpong und Ryan Gravenberch, als Draufgabe den Dressentausch zwischen Bogarde und Gravenberch.
Bei dem denkwürdigen Abend sass der LASK-Kapitän nur auf der Tribüne. Der Einsatz von Sascha Horvath hätte zu einem längerfristigen Ausfall führen können, daher pausierte er. Sasa Kalajdzic und Robert Ljubicic begannen auf der Bank, erste Wahl waren als Linksverteidiger Yves Dibango statt des verletzten Bello, Alessandro Schöpf statt Horvath, als Offensivduo Samuel Adeniran und Christoph Lang. Liverpools Trainer Ando Iraola änderte die Mannschaft gegenüber der 0:3-Pleite an vier Positionen, verzichtete vorerst auf Kapitän Virgil van Dijk, Weltmeister Alexis Mac Allister, den Spanier Victor Munoz und Ex-Rapid-Talent Milos Kerkez, formierte eine neue Viererabwehr. Die LASK-Hoffnung, lange das 0:0 zu halten, starb mit dem fünften Eckball nach 22 Minuten: Verteidiger Kaspar Jörgensen ließ Ronald Araujo, die Barcelona-Leihgabe in Liverpools Abwehrzentrum, zum Kopfball kommen. Daher 0:1 und zwei Minuten später das 0:2: Weil „Ersatz-Kapitän“ Andres Andrade und Dibango zwar irgendwie Rio Nghouma stoppten, den Ball aber nicht wegbrachten. So kam er vom walisischen Stürmer Lewis Kouma zu Bradley Barcola, der das erste seiner drei Tore erzielte. Die Dribblings und gazellenhaften Bewegungen des Franzosen, der über links stürmte, überforderten nicht nur Rechtsverteidiger Jörgensen, sondern auch die drei Innenverteidiger. So ließ er beim 0:3 nach 36 Minuten nach einem Pass von Florian Wirtz Alemao Tornich und Mbuyamba ins Leere laufen. Eine Minute zuvor gab es den ersten gefährlichen LASK-Torschuss durch Lang.
Ärgerlich das erste Tor der zweiten Hälfte, das 0:4 durch den holländischen Rechtsverteidiger Jeremy Frimpong. Weil er es mit dem Kopf erzielte und nur 1,75 Meter groß ist. Er sprang höher als die größeren LASK-Spieler. Seine Offensivdrang konnten die Linzer, allen voran Dibango, nicht bremsen. Frimpong bereitet auch zwei Tore vor. Bevor der Franzose nach Frimpongs Querpass zum dritten Mal scorte, fiel das erste LASK-Tor in der Champions League. Mit dem ersten Ballkontakt des für Bogarde eingewechselten Ljubicic. In der 72. Minute stand es nach Langs Ballverlust und Frimpongs Vorarbeit durch Koumas 1:6. Danach wurde Barcola ausgetauscht. Die LASK-Antwort kam unerwartet, sprach für Moral, begeisterte die Fans: Ein Doppelpack des zur zweiten Hälfte für Jörgensen gekommenen Florian Flecker innerhalb von drei Minuten. Zunächst ein Flugkopfball nach starker Kombination über den kurz zuvor eingetauschten Kalajdzic und Dibango, dann übernahm er eine Flanke Dibangos mit rechts (Bild). Der 28-jährige Steirer erzielte damit in zwei Heimspielen gegen Liverpool drei Tore. Eines zur Führung beim 1:3 im Gruppenspiel der Europa League 2022, gestern zwei zur Resultatkosmetik, die allen gut tat. LASK-Trainer Didi Kühbauer sprach von Fußball auf einem anderen Niveau: „Wir konnten viel lernen. Aber drei Tore muss man gegen Liverpool erst schießen, daher bin ich stolz auf die Mannschaft!“ Die aber doch mitunter schwer überfordert war, wie Jungwirth gestand. Obwohl die zweite Hälfte 3:3 endete.
Außer den neuen Toren in Linz hatte der Mittwochabend noch einiges zu bieten: Die bittere 2:4 (0:3)-Heimpleite von Manchester City vor den Augen von Ex-Trainer Pep Guardiola gegen Titelverteidiger Paris St. Germain, den Wahnsinn von Real Madrid bei AS Roma: 1:1 zur Pause, dann 3:1 für Roma durch zwei Treffer des Holländers Donyell Malen, von der 84. bis zur 90. Minute drei Real-Tore durch Joker Espi, den Brasilianer Endrick und den Deutschen Antonio Rüdiger per Kopf und Real-Ekstase über das 4:3 (1:1). Aston Villa schoss Sturm-Graz-Bezwinger Fenerbahce mit 6:0 (3:0) vom Platz, Schachtjor Donezk aus der Ukraine schlug im Heimspiel auf der Stamford Bridge in London LASK-Bezwinger AEK Athen 3:1 (1:1). Borussia Dortmund verlor am Polarkreis ohne Marcel Sabitzer auf Kunstrasen bei Norwegens Vizemeister Bodö Glimt 0:1 (0:0). Der VfB Stuttgart holte sich den zweiten Sieg – 3:0 (1:0) beim slowakischen Meister Slovan Bratislava, der im November in Linz gastiert.
Foto: UEFA.
