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Nur das Kalajdzic-Tor war ein Wunder! Sonst war vieles zum Wundern

Österreich erreichte nach dem 3:3 (1:1)-Krimi gegen Algerien vor 63.000 Zuschauern in Kansas City erstmals seit 1982 die k.o.-Phase der Weltmeisterschaft. Das darf zwar bejubelt werden, dennoch bleibt Tatsache, dass die Leistungen vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in Deutschland besser waren als die in den letzten zwei Wochen bei der WM. Manche jubeln sogar über ein WM-Wunder. Das trifft nur auf das Kopftor von Sasa Kalajdzic zu, mit dem das Ausscheiden verhindert wurde. Österreich kassierte in der dritten Minute der Nachspielzeit unnötig das 2:3, schaffte mit der letzten Aktion des Spiels den Ausgleich. Die Vorarbeit kam von Michael Gregoritsch ebenfalls per Kopf, das war der wichtigste Assist seiner ganzen Karriere. Kalajdzic war erst nach dem Führungstor der Algerer eingewechselt worden. Sein erster Treffer im Teamdress seit dem 1:2 im EM-Achtelfinale gegen Italien in Wembley vor fünf Jahren, war sein einziger Ballkontakt  im ganzen Spiel. Wirklich ein Wunder. Der „Bist du deppert“-Aufschrei des aus Klagenfurt stammenden ORF-Kommentators Daniel Warmuth wandelt auf den Spuren des legendären „I wer narrisch“ von Edi Finger nach Hans Krankls Siegestor zum 3:2 gegen Deutschland bei der WM in Cordoba.

Ansonsten gab es beim dritten Gruppenspiel Österreichs eigentlich vieles zum Wundern. Auch in Sachen Kalajdzic: Warum kam der Zweimeter-Riese nach den 45 Minuten gegen Jordanien als Solospitze, in denen er mehr ein „Opfer“ des schlecht umgesetzten Spielplans war, erst wieder zum Einsatz, als Österreich auszuscheiden drohte? Einige werden Teamchef Ralf Rangnick sicher für einen genialen Wechsel feiern. Es gibt dabei aber sicher auch eine Kehrseite der Medaille. Zum Wundern war es auch, dass Österreich nach den zwei Führungstreffern nicht mehr initiativ war, nur noch reagierte statt weiter zu agieren, daher zweimal den Ausgleich kassierte. Die Tore zum 1:0 und 2:1 waren sehenswert. Auf einen genialen Chip von Kapitän David Alaba folgte ein raffinierter Treffer von Marko Arnautovic. Knapp vor der Pause war der Vorsprung verspielt: Weil Linksverteidiger Philipp Mwene nicht damit rechnete, dass der Ball von der Eckfahne zurück ins Feld sprang, weil Algeriens Rechtsverteidiger Rafik Belgliali, der in Italien bei Hellas Verona spielt, irgendwie an Xaver Schkager und Marcel Sabitzer vorbeikam, Alaba  als letzter Mann den Schuss nicht verhindern konnte. Rangnicks Reaktion war ein Dreifachtausch zur Pause: Statt Xaver Schlager, Romano Schmid und Arnautovic WM-Debüt von Florian Grillitsch, Paul Wanner und Gregoritsch. Nachher sprach der Teamchef davon, dass einigen die hohen Temperaturen und das Klima doch zusetzten.

Nach 55 Minuten führte Österreich: Sabitzer übernahm mit rechts einen perfekten Pass des diesmal als rechten Außenbahnspieler aufgebotenen Konrad Laimer direkt, traf genau ins Eck. Aber nur fünf Minuten später fiel der Ausgleich, weil sich Stefan Posch von Houssem Aouar ausspielen ließ, nach dessen Pass Riyad Mahrez völlig frei stand. Mwene verlor ihn einfach aus den Augen. Für Alexander Schlager gab es nichts zu halten. Es war eine Ko-Produktion von Saudiarabien-Legionären: Aouar spielt bei Al Ittihad in Dschidda, der 35-jährige Mahrez bei Al Ahli. Alaba schied zum dritten Mal nach einer Stunde wegen muskulärer Probleme aus, Kevin Danso kam für ihn. Danach entwickelte sich das Spiel zu einer „Kopie“ von Gijon, des Schandspiels zwischen Österreich und Deutschland auf Kosten von Algerien: 44 Jahre später ebenfalls nur noch Ballgeschiebe, keiner spielte wirklich auf Sieg. Weil beide Teams wussten, dass sie mit einem Unentschieden aufsteigen und bei einer Niederlage ausscheiden. Aus dem Nichts ging Tunesien in Führung: Bei Aouars Pass zu Mahrez unterlief Philipp Lienhart ein Stellungsfehler, hob Danso die Abseitstellung von Mahrez auf. Der kam frei vor Schlager zum Schuss.

Lähmendes Entsetzen bei den österreichischen Fans im Stadion, daheim vor den TV-Schirmen. Lienhart vergab die erste Ausgleichschance, die zweite verwertete Kalajdzic zum Wunder. Seine Einwechslung sah man bei der TV-Übertragung gar nicht, weil noch die Zeitlupen vom zweiten Mahrez-Tor gezeigt wurden. Mit dem Anstoß der Algerier war das Match beendet: „So etwas habe ich noch nie erlebt“, gestand Rangnick. Es folgten beiderseits Feiern über den Aufstieg. Zuerst am Rasen, dann in der Kabine. Alle sangen Reinhard Fendrichs „Strada del Sole“. Im Sechzehntelfinale trifft Österreich am Donnerstag um 21 Uhr in Los Angeles auf Europameister Spanien, bei dem möglicherweise der schnelle Stürmer Nico Williams ausfällt. Eine Leistung wie in den Gruppenspielen wird nicht reichen: „Das Spiel gegen den Ball muss besser sein als gegen Algerien“, wusste Rangnick.

Spanien-Österreich wird das Aufeinandertreffen der bisher fairsten Mannschaften der WM  Schafft Österreich die Überraschung, wäre der Sieger aus Portugal-Kroatien der Gegner im Achtelfinale. Interessante Daten von Österreichs Spielern in der FIFA-Statistik: Sabitzer hat die fünfmeisten Sprints aller WM-Spieler, Xaver Schkager brachte 96 Prozent seiner Passes zum Mitspieler, der Österreicher mit dem größten Laufpensum war Nicolas Seiwald: 33,878 Kilometer in drei Partien. Algerien spielte Freitag um fünf Uhr früh in Vancouver gegen die Schweiz.  Das wird für Emotionen sorgen: Denn Algeriens Temchef Vlado Petkovic hatte diesen Job sieben Jahre lang, von 2014 bis 2021, beim Gegner Schweiz. Der Gewinner trifft auf den Sieger aus Kolumbien-Ghana.

 

Foto: FIFA.

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