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Richtig gut, extrem mutig – aber nicht genug individuelle Klasse

Nicht Österreich löste Freitagabend das Ticket für die Europameisterschaft 2024 in Deutschland, sondern Belgien durch ein 3:2 (1:0) vor 47.000 im ausverkauften Happel-Stadion. Die erste Niederlage nach acht Spielen zerstörte Österreichs Traum, die Qualifikation als Gruppensieger zu schaffen, die Gruppenphase ohne Niederlage zu beenden. Das ist schade, aber kein Beinbruch. Es wäre ein Wunder, sollte Österreich, das am Freitag versäumte nicht drei Tage später nachholen. Mit einem Sieg am Montag in Baku gegen Aserbaidschan, das Freitag in Tallin Estland 2:0 bezwang. Dann wäre es völlig egal, ob Belgien in Brüssel Schweden wie erwartet besiegt oder nicht. Außer Belgien stehen seit Freitag auch Frankreich (2:1 gegen Holland in Amsterdam) und Portugal (3:2 gegen die Slowakei in Porto) als Endrundenteilnehmer fest.

Es gab Überraschungen in beiden Aufstellungen.  Bei Belgien, weil Teamchef Domenico Tedesco erstmals Leipzig-Stürmer Lois Openda als zweite Spitze neben Romelu Lukaku von Beginn an brachte, sein System auf 4-4-2 umstellte. Aber mehr bei Österreich: Nicolas Seiwald als Rechtsverteidiger auf einer Position, die er zuvor nie spielte. Weil Ralf Rangnick in seinem 4-2-2-2 Kapitän Konrad Laimer lieber im Mittelfeld aufbot. Aber auch nicht mit Xaver Schlager im zentralen (die Rolle bekam Florian Grillitsch), sondern über rechts. Links bekam Wolfsberg-Reservist Patrick Wimmer den Vorzug gegenüber Köln-Stammspieler Florian Kainz, der auf dieser Position viele Jahre spielte. Vorne begann Debütant Manprit Sarkaria neben Christoph Baumgartner.

Man kann die Niederlage auch mit fehlendem Spielglück begründen. Die erste belgische Offensivaktion sorgte mitten in einen ambitionierten österreichischen Start  für das 0:1 aus einem Konter durch Sevilla-Stürer Dodi Lukebakio, wobei Philipp Lienhart zu langsam war, nicht gut aussah. Danach blieben  bis zur 55. Minute vier Chancen zum Ausgleich ungenützt, ehe das 0:2 fiel. Durch einen Schuss von Lukebakio, den sowohl Wimmer als auch Seiwald abfälschten. Drei Minuten später schlug  Kapitän Lukaku zu. Bei 0:3 schien alles gelaufen, zur Pause stellte Belgien mit der Einwechslung von Yannick Carrasco wieder auf 4-3-3 um, womit Österreich nicht ganz zurecht kam. Von den Rängen kamen auch bei 0:3 keine Pfiffe. Rangnick tauschte dreimal aus, ersetzte den angeschlagenen Kevin Danso im Abwehrzentrum durch Neuling Samson Baidoo, den guten Baumgartner durch Clermont-Legionär Muhammed Cham, Sarkaria, der gute Szenen, aber zu wenig Duchsetzungsvermögen hatte, durch Sasa Kalajdzic. Laimer, dem nicht viel gelang, sorgte mit seiner besten Aktion für das 1:3. Danach sah Belgiens Mittelfeldspieler Amadou Onana die gelb-rote Ampelkarte. Deshalb wechselte Rangnick auch noch Marcel Sabitzer für den unglücklich agierenden Wimmer (zwei Chancen vergeben, unnötig den Freistoss, nach dem das zweite belgische Tor fiel, verschuldet), ein.  Sabitzer verwandelte einen Handelfmeter, den Schiedsrichter Jesus Gil Manzano nach VAR-Intervention gab, nach 84 Minuten zum 2:3., verwandelte das Happel-Stadion in ein Tollhaus.

Auf der Tribüne jubelten die verletzten David Alaba, Stefan Posch und Marko Arnautovic, fieberten mit. Aber trotz sechs Minuten Nachspielzeit gelang der Ausgleich nicht mehr. Die letzte Möglichkeit ließ Cham praktisch mit der letzten Akton aus. Einen guten Eindruck machte Alexander Prass als Linksverteidier im Finish statt Max Wöber. Wobei zu bedenken ist, dass Belgien dezimiert war, nur noch das Resultat verwaltete, nicht mehr versuchte, nach vorne zu spielen: „Wir haben ein richtig gutes Spiel gemacht, waren extrem mutig. Das ist eine richtig coole Truppe mit großer Moral“, bilanzierte Rangnick. Recht hat er. Österreich hatte nur nicht so viele individuelle Klasse wie die Belgier. Wäre das auch in kompletter Besetzung so gewesen?

Eher schon, obwohl Kapitön Alaba als Abwehrchef doch merkbar abging, auch beim Spielaufbau. Aber so ehrlich muss man sein: Flügelspieler von der Klasse und der Schnelligkeit eines Jeremy Doku oder Dodi Lukebakio, hat Österreich nicht. Egal in welcher Aufstellung. Daran scheiterte die geplante Jubelparty. Daher konnte sich die Regierungsspitze mit Kanzler, Vizekanzler und Innenminister nachher im VIP-Club  nicht im Erfolg „sonnen“.  Von Baumgartner stammte der Satz, dass Österreich stolz auf dieses Team und diese Leistung sein kann. Hat etwas für sich. Aber trotzdem muss es eine Überlegung wert sein, ob es klug ist, Spieler auf Positionen einzusetzen, die sie nicht gewohnt sind. Und  ob es nicht mehr bringt, auf Legionäre zu setzen, die bei ihren Klubs ständig im Einsatz sind und nicht enttäuschen, als Reservisten zu bevorzugen. Auch wenn die Leistung wirklich gut war, darüber muss man diskutieren.

 

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