Am 8. August feiert Herbert Prohaska, Österreichs Jahrhundertfußballer, der letzte Teamchef, mit dem sich Österreich für eine Weltmeisterschaft qualifizierte, seinen 70. Geburtstag. Sie können bis zum Ehrentag täglich eine Geschichte aus dem Leben von Herbert Prohaska, insgesamt 70, lesen.
Gegen Weltmeister Frankreich mit seinen Topstar Zinedine Zidane und Thierry Henry gelang im ausverkauften Happel-Stadion ein Spektakel, bei dem Österreich bis zur 84. Minute sogar 2:1 führte. Das 2:2 galt als gutes Omen für die bevorstehende EM-Qualifikation, bei der Toni Polster nicht mehr dabei war. Er trat zwar nicht zurück, aber mit 34 war die Teamkarriere vorbei. Andreas Herzog kurierte seine Zehenverletzung aus. Mit dem verpatzten Auftakt der Qualifikation gegen Israel begannen die letzten Monate von Herbert Prohakas Teamchefära, was aber nicht abzusehen war. Es regnete praktisch seit zwei Tagen, der Ball blieb oft in den Wasserpfützen stecken. Der schwedische Referee Anders Frisk pfiff das Match trotzdem an. Die schnelle Führung durch Hannes Reinmayr half auch nicht, gegen nur zehn Israelis kassierte Österreich aus einem Elfmeter den Ausgleich. Auf das 1:1 folgte auf Zypern ein souveränes 3:0 und in San Marino der 4:1-Pflichtsieg, mit dem verärgersten Prohaska, den es bis dahin gab. Die ersten 45 Minuten waren die schlechtesten, die er in allen 49 Spiele seit Amtsantritt mitmachen musste. Prohaska tobte in der Pause, er ließ einfach den Frust raus. Offenbar half das. Von der 52. bis zur 76. Minute fielen vier Tore, zwei erzielten mit Christian Mayrleb und Edi Glieder Spieler, die er zu Beginn der zweiten Hälfte einwechselte.
1999 begann mit einem Freundschaftsspiel gegen die Schweiz in St. Gallen. Herzog war wieder dabei, erzielte beim 4:2 das erste und letzte Tor. Offensiv klappte es, defensiv weniger. Dennoch: Keine Niederlage in fünf Spielen seit dem 1:2 gegen Italien in Paris. Alle schien wieder wie erhofft zu laufen. Doch das Gefühl war falsch. Wie sich am 27. März 1999 in Valencia, auf den Tag genau sechs Jahre nach dem ersten Qualifikationsspiel von Prohaskas Ära gegen Frankreich, herausstellte. Prohaska glaubt bis heute, dass sein Matchplan mit zum 0:9 (0:5)-Debakel gegen Spanien führte. Nur nicht agieren wie das Kaninchen vor der Schlange, predigte er. Unter dem Motto: Wir spielen auf Sieg und freuen uns sehr, wenn nur ein Punkt dabei herausschaut. Spaniens Teamchef erinnerte ihn an seine Inter-Zeit, an die Europacup-Spiele gegen Real Madrid: Jose Camacho war damals sein direkter Gegenspieler. Es kam im Mestalla-Stadion aber noch viel, viel schlimmer als 18 Jahre vorher im Bernabeu. Die Spanier ließen praktisch keine Chance aus, führten zur Pause 5:0. Am liebsten hätte Prohaska wie im Boxen üblich das Handtuch geworfen und damit alles beendet. Im Fußball geht das nicht.
Prohaska appellierte zur Pause an den Charakter und zu zeigen, dass man sich gegen das Debakel wehrt. Aber er wusste, dass dies wenig bringen wird. Toni Pfeffer sagte am Weg zur zweiten Hälfte, als ihm ORF-Reporter Andreas Felber das Mikrofon hinhielt: „Hoch g´winn ma´s nimmer“. Nach dem 0:6, das nur drei Minuten nach der Pause durch das dritte von vier Toren des Real Madrid-Topstars Raul fiel, verließ Assistent und Freund Erich Obermayer Prohaska, ging in die Kabine. Obermayer konnte nicht mehr zusehen, Prohaska bemerkte das erst nach dem Schlusspfiff. Es war die höchste Niederlage einer Karriere, aber nicht die, die ihn am meisten weh tat. Das waren die als Spieler mit der Austria. Das Europacupfinale in Paris, der verpasste Meistertitel in der Grazer Gruab´n. Trotzdem trat er beim Stand von 0:6 innerlich als Teamchef zurück.
Das teilte er Mauhart im Kabinengang mit. Der Präsident wollte erst einen Tag später in Wien mit Prohaska reden. Aber selbst er, der populistische Entscheidungen strikt ablehnte, wusste, dass sein Teamchef keine Chance mehr hatte. Es war nicht zu „verkaufen“, dass mit einem, der gerade 0:9 verlor, die EM-Qualifikation noch zu schaffen war. Diesmal nahm er Prohaskas Rücktrittsangebot an. Ein kleiner Trost war, dass selbst dem großen Ernst Happel ähnliches passiert war, ein 1:9 mit dem FC Tirol gegen Real Madrid. Dennoch genierte sich Prohaska anfangs fürchterlich. Prohaska hat bis heute nichts vergessen. Er weiß, dass dieses 0:9 für immer und ewig mit seinem Namen in Zusammenhang gebracht werden wird. Auch wenn in den insgesamt 51 Spielen als Teamchef mit 25 Siegen, neun Unentschieden und 17 Niederlagen die positiven Seiten überwiegen.
Prohaskas Frau war am Tag des 0:9 mit den Töchtern Barbara und Birgit und ihrer Mutter bei der traditionellen Karwochen-Reise in Rom. Beim Abendessen rief Birgit eine Freundin in Wien an, erfuhr vom 0:2-Rückstand. Beim nächsten Anruf hieß es schon 0:5. Daraufhin verhängte Frau Prohaska eine Informationssperre bis zur Nachtruhe. Am Tag danach rief der Gatte an, erzählte vom 0:9 und von seinem Rücktritt. Die Teamchefzeit war die härteste für die Familie. Alle litten mit. An Matchbesuch war nicht zu denken. Nur für die WM ließ sich Elisabeth Prohaska breitschlagen. Vom Mitzittern war sie nach den ersten zwei Spielen so fertig, dass sie beim dritten und entscheidenden lieber im Hotel blieb.