Der 1,98 Meter große, beidbeinige Innenverteidiger Ifeany Ndukwe zählte zweifelsohne zu den herausragenden Spielen der Unter 17-WM in Katar. Für Arsene Wenger, den ehemalige Startrainer von Arsenal, jetzt Entwicklungsleiter der FIFA, hatte kein Spieler mehr Potenzial und Persönlichkeit als der in Wien geborene Sohn einer Russin und eines Nigerianers. Wenger sah vier Spiele von Vizeweltmeister Österreich. Nicht nur Wenger wurde auf das vielleicht größte Talent der Wiener Austria aufmerksam, auch die Scouts internationaler Spitzenvereine, einige schon vor der WM. Vor sechs Monaten gelang es Jürgen Werner, damals noch Sportvorstand, nach Gesprächen mit Ndukwes Eltern und seinen Beratern der Agentur „More than sports“ von Frank Schreier, den Vertrag mit dem Juwel bis 2028 zu verlängern. Durch die herausragende WM soll es aber in fünf Monaten anders aussehen: Laut einer Meldung im „Kurier“ wird Ndukwe, sobald er 18 ist, was am 3. März der Fall sein wird, einen langfristigen Vertrag bei Englands Meister FC Liverpool unterschreiben. Er hat derzeit laut „transfermarkt“ einen Marktwert von einer Million Euro, die Austria würde bei einem Verkauf das dreifache kassieren. Das klingt für einen finanzmaroden Verein sehr verlockend, steht aber eigentlich im Gegensatz zur jüngst verkündeten neuen Klubpolitik, auf Spieler aus der eigenen Akademie zu setzen. Denn weder Ndukwe noch der Austria läuft die Zeit davon.
Sicher klingt verlockend, nach nur sieben Spielen in der zweiten Liga, keinem in der Bundesliga, 15 starken Partien in Österreichs U 17 am Radar europäischer Topklubs zu sein. Sympathieträger Ndukwe wird in einem Jahr noch höher im Kurs stehen als jetzt, mehr Ablöse bringt, obwohl sein Vertrag dann nur noch zwölf Monate läuft. Weil er bis Ende der Saison 2026/27, wenn alles normal läuft, sicher fix in der Bundesligamannschaft einen Platz haben wird, vielleicht auch in einem internationalen Klubbewerb zum Einsatz kam. Gibt die Austria Ndukwe wirklich schon im Sommer ab, wonach es aussieht, verringert das zwar die Schulden, vergibt zugleich aber die Chance auf mehr Millionen. Und ob es für Ndukwes Entwicklung besser wäre, in der Premier League 2, einem Unter 21-Bewerb, zu spielen statt in der Bundesliga, kann man auch diskutieren. Aber auch seine Agentur wird auf sicher gehen, rasch die Provision aus der teuersten Liga der Welt einstreifen wollen. So ist das Geschäft. Leider, muss man dazu sagen.
Wer glaubt, dass Ndukwe ab kommenden Sommer ein Thema für die Premier League sein wird, der liegt völlig daneben. Im Abwehrzentrum von Liverpool ist Kapitän Virgil van Dijk auch mit 34 noch gesetzt, der Vertrag läuft bis 2027. Um die Vertragsverlängerung mit den Franzosen Ibrahima Konate kämpft Liverpool derzeit. Zu glauben, Liverpool plant Ndukwe zum Nachfolger seines Vorbilds van Dijk aufzubauen, klingt sehr nett, ist aber nicht realistisch. Als Nachfolger war der 19 jährige, 1,96 Meter große Italiener Giovanni Leoni geplant, sonst hätte Liverpool für ihn letzten Sommer nicht 31 Millionen an Parma bezahlt. Das Pech des Hünen ist ein Kreuzbandriss, den er im Herbst erlitt. Im Kader der zweien Mannschaft Liverpools gibt es fünf Innenverteidiger zwischen 18 und 21 Jahren. All das zeigt: Von Austria zu Liverpool ist zwar sicher ein Traum, aber zugleich auch ein Risiko für Ndukwe.
Vorerst verlor die Austria nicht ihn, sondern ihren Talentecoach: Christopher Witamwas wechselt zu Sturm Graz, ist beim Meister Assistent des neuen Trainers Fabio Ingolitsch. Der 38 jährige Witamwas gehörte bei der U 17-WM zum Staff von Teamchef Hermann Stadler.
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