Fußball

Kulovits sah in Madrid das Tiraspol-Wunder: „Bei Real macht jeder, was er will“

Unter den 22.000 Zuschauern, die im Santiago Bernabeu-Stadion Dienstag Abend die größte Sensation der Champions League live sahen, das 2:1von Moldaus Meister Sheriff Tiraspol gegen Real Madrid, war auch eine Rapid-Ikone: Stefan Kulovits saß eine Woche nach seiner Beurlaubung als Trainer beim deutschen Zweitligisten Sandhausen auf der Tribüne. So wie Samstag davor bei Hoffenheims 3:1 gegen Wolfsburg, einen Tag darauf in Hütteldorf bei Rapids 0:3 gegen Sturm Graz. Dienstag flog er mit Ryan-Air nach Madrid, Mittwoch zurück nach Wien. Dann ging es nach Salzburg zum Duell gegen Lille, Donnerstag wird er in Klagenfurt bei LASK gegen Maccabi Tel Aviv zuschauen, einen Tag später in der zweiten Liga bei Vorwärts Steyr gegen Rapid II. Seine Devise: Möglichst viel sehen, um für den möglichen Wiedereinstieg ins Trainingsgerüst gerüstet zu sein. In der zweiten Liga dürfte der 38 jährige mit seiner Trainerlizenz auch Chef sein.

Seine Eindrücke von Real waren bedenklich: „Einen klaren Plan hab´ich nicht gesehen. Da hat man das Gefühl, jeder macht das, was er will. Und das ist wirklich nicht gut.“ Daher jubelten am Ende die „Underdogs“ von Tiraspol (Bild oben). Sozusagen gegen alle statischen Werte: Nur 33 Prozent Ballbesitz, 3:12-Schüsse auf das Tor, 0:1 bei den Ecken. Die Erklärungen des traurigen Real-Trainers Carlos Ancelotti, man habe gut gespielt, sei nur an kleinen Details gescheitert, konnte Kulovits nicht nachvollziehen. Sehr wohl hingegen, dass der Siegestorschütze aus Luxemburg, Sebastien Thill, vom spektakulärsten  und wichtigsten Tor in seiner Karriere sprach. Für den Meister des Landes mit dem geringsten Bruttosozialprodukt in Europa.  Tiraspol liegt in Transnistrien, einem Gebiet mit 500.000 Einwohnern an der Grenze zur Ukraine. Das sich für selbständig erklärte, was im Ausland nicht anerkannt wird.

Nichts ist größer in Transnistrien als Sheriff. Eine Firmenkette, zu der Supermärkte, Tankstellen, ein Handynetz, ein TV-Sender, ein Mercedes-Autohaus und der Fußballklub gehören. Der in der Qualifikation zur Gruppenphase der Champions League die Meister aus Serbien (Roter Stern Belgrad) und Kroatien (Dinamo Zagreb) eliminierte, in seinen ersten zwei Gruppenspielen Ukraine-Meister Schachtjor Donezk und Real Madrid bezwang.  Mit einer Mannschaft, die aktuell in der nationalen Divizia Nazionale nur Rang drei belegt, in der kein einziger lokaler Spieler steht. Nur Legionäre aus Griechenland, Kolumbien, Brasilien, Mali, Nigeria, Guinea, der Elfenbeinküste,  Ghana. Weißrussland,  Portugal, Nordmazedonen,  Usbekistan und Luxemburg. Thill spielt seit Winter für Tiraspol: „Die Infrastruktur ist wie bei großen Vereinen in Europa. Wir haben ein Sportzentrum mit  drei Stadien, wovon eines überdacht ist. Dazu Schwimmbad, Tennisplätze, Fitnesscenter, zwei Kantinen. Jeder Spieler hat ein Zimmer dort.“

Bisher war die Begeisterung um Sheriff Tiraspol nicht sehr groß. Nur 5281 Zuschauer beim Heimspiel der Play offs gegen Dinamo Zagreb, 5205 beim 2:0 gegen Schachtjor Donezk: „Ich kann über die Straßen gehen, ohne dass sich Menschen um mich versammeln“, versicherte Thill. Möglich, dass sich dies nach dem Sieg im Bernabeu-Stadion dank seines Supertors ändert. Den Wechsel von Progress Niedercorn zu Sheriff Tiraspol hat er nie bereut: „Als das Angebot kam, musste ich nicht lange überlegen. Sie zahlen gut, das Geld kommt pünktlich, ich kann in der Champions League spielen.“ Die Profis von Sheriff habe eine spezielle Genehmigung, mit der sie zwischen Moldawien und Transnistrien nicht kontrolliert werden. Wenn Thill Entspannung sucht, fährt er in die 70 Kilometer entfernte moldawische Hauptstadt Chisinau.

Kompliziert ist die Sache mit dem Geld. Transnistrien ist als nicht unabhängiger Staat vom internationalen Finanzfluss abgeschnitten. Internationale Kreditkarten werden nicht akzeptiert. Die eigene von Transnistrien gilt nirgendwo im Ausland.  Also bekommen Thill und die Mitspieler ihr Gehalt in Euro, müssen es vor Ort in US-Dollar oder transnistrische Rubel wechseln. Trainer dieser Mannschaft zu sein war bisher ein Job mit sehr geringer Laufdauer. 14-mal wechselte der Amtsträger des Vereins in den letzten zehn Jahren. Der 55 jährige Ukrainer Juri Vernydub wird nach dem größten Coup in der Vereinsgeschichte länger bleiben dürfen.

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