Keine Hintertortribünen, auf der einen Seite ein Felsmassiv und eine Anzeigetafel – das Estadio Municipal in Braga, wo Donnerstagabend die Wiener Austria als krasser Außenseiter versucht, die Chancen auf die erstmalige Qualifikation für die Ligaphase der Conference League zu wahren, hat schon ein spezielles Flair. Der für alle Austria-Spieler Neuland bedeutet, selbst für Routinier Aleksandar Dragovic. Bei der EM 2004 fanden in diesem Stadion zwei Gruppenspiele statt, von 2007 bis 2009 stürmte Ex-Austrianer Roland Linz für Austrias Gegner Sporting Braga. Letzte Saison erreichten die Portugiesen das Semifinale der Europa League. Das sagt genug zur Ausgangsposition. Die Austria steht erstmals seit vier Jahren wieder in einem Europacup-Play-off. Damals war Violett durch Platz drei in der Liga direkt qualifiziert, diesmal wurde es erstmals seit neun Jahren über die dritte Qualifikationsrunde geschafft. Der Jubel über das Happy End gegen Beitar Jerusalem nach dem Penaltydrama war groß – wahrscheinlich sogar etwas zu groß.
Gegen Braga zu bestehen, wäre eine andere Kategorie. Dazu müsste die Austria quasi einen Felsen aus dem Weg räumen. Die Mannschaft der Portugiesen hat ein anderes Aussehen als letzte Saison, zwölf Spieler sind nicht mehr dabei, darunter Österreichs Teamspieler Florian Grillitsch. Durch die Abgänge nahm Braga 66,10 Millionen ein, gab anderseits für 16 Neuzugänge nur 17,2 Millionen aus. Der teuerste Einkauf war Rechtsverteidiger Diogo Travassis von Sporting Lissabon um 5,5 Millionen. Braga holte auch zwei Spieler aus der deutschen Bundesliga, den dänischen Stürmer Jonas Wind von Absteiger Wolfsburg und den bosnischen Mittelfeldspieler Denis Huseinbašić vom 1. FC Köln. Der Kader hat einen Marktwert von 154,80 Millionen, der von Austria nur einen von 23,18. Sollte Austria weiterkommen, wäre das der größe internationale Erfolg seit langem. Vor zwei Jahren scheiterte Rapid bei seiner ersten Teilnahme an der Ligaphase der Conference League im Play-off für die k.o.-Runde an Braga – auswärts 1:2, in Hütteldorf 2:2.
Bragas Trainer ist seit einem Jahr der Spanier Carlos Vicens, der zuvor vier Saisons lang Assistent von Pep Guardiola bei Manchester City war. Nachvollziehbar, dass Vicens auf Ballbesitz großen Wert legt: „Braga hat eine enorme Ballsicherheit, kann mit spielerischer Qualität jederzeit den Spielrhythmus bestimmen“, erkannte Trainer Stephan Helm nach Videoanalysen. Austrias Außenseiterchancen werden möglicherweise durch einen Magen-Darm-Virus etwas vergrößert, der in Bragas Mannschaft nach dem Qualifikationsspiel gegen Dinamo Minsk in Bulgarien grassierte. Am Wochenende gab es nur zehn einsatzfähige Spieler, darunter hatte Bragain der Liga eine Pause. So wie die Austria zwischen den Playoff-Duellen- allerdings ohne Darmvirus: „Das gibt mehr Freiheiten für die Personalentscheidungen“, versicherte Helm. Der ORF sicherte sich Dienstagabend die TV-Rechte am Spiel in Braga, kann daher die Partien der Wiener Klubs in Konferenzschaltung zeigen.
Foto: Sporting Braga.