Fußball

Mit oder ohne Egho: Champions League-Träume 130 Kilometer von Wien entfernt

130 Kilometer oder 80 Autominuten von Wien entfernt, da blühen sie noch, die Träume von der Champions League. In der 65.000 Einwohner-Stadt Trnava beim slowakischen Meister. Sogar länger als geglaubt. In der ersten Runde eliminierte Spartak Trnva den bosnischen Meister Zrinjski Mostar (daheim 1:0, auswärts 1:1), in der zweiten überraschend auch den polnischen Champion Legia Warschau. Der Triumph eines Klubs mit einem Budget von vier Millionen Euro über einen mit mehr als 30, beide weit vom spielerischen Niveau von Österreichs Meister Red Bull Salzburg entfernt. In der dritten Runde wird´s für Trnava gegen Roter Stern Belgrad um den Einzug ins Play-off gehen. Als krasser Außenseiter. Sollte da wie erwartet die Endstation sein, spielt Trnava aber noch im Playoff für die Europa League. Also eine Erfolgsstory, bei der zwei Österreicher dabei sein: An vorderster Front Marvin Egho mit der ungewohnten Rückennummer 45, vor einem Jahr als stecken gebliebenes Talent vom Absteiger Ried gekommen und gleich zum „Stürmer der Saison“ in der Slowakei gewählt. Seit Juli gilt Mittelfeldspieler Fabian Miesenböck vorerst als erster Joker. Im Frühjahr war er noch beim SC Wr.Neustadt in der zweiten Liga. Ein großer Sprung.

Die Stimmung Dienstag am Abend beim Aufstieg in der modernen, fast ausverkaufe City-Arena von Trnava, die nach dem ehemaligen Admira-Trainer Anton Malatinsky benannt ist, war viel beeindruckender als die Leistung. Gänsehautgefühl, wenn beim Einmarsch der Mannschaften „Il Silenzio“, das Trompetensolo von Nini Rosso,  ertönt. Sprechchöre und Gesänge von mehr als 17.000 fanatischen Fans, eine Choreographie der Ultras, die Vergleiche mit der im Rapid-Fansektor und bei Austria in der neuen Generali-Arena durchaus standhielt. Nie Pfiffe, egal wie schlecht die Leistung war, wie planlos die Bälle weggedroschen wurden, um den 2:0-Auswärtssieg über die Runden zu bringen. Irgendwie gelang es in 95 Minuten. Nur 0:1 (0:0) verloren, obwohl die Polen ab der 37. Minute mit zehn, ab der 85. mit neun Mann auskommen mussten. Der israelische Referee Rai Reinshreiber zeigte zweimal Gelb-Rot, zum Glück für die Heimmannschaft pfiff er überkorrekt. Die zweite Ampelkarte holte Egho heraus. Sein Vater jubelt auf der Tribüne, für Freunde und Bekannte aus Wien hinterlegte er  nicht weniger als 23 Karten.

„Für Trnava ist es unglaublich, was wir in einem Jahr für Klub, Fans und Stadt mit Meistertitel und zweimal Aufstieg geschafft haben“, meinte Egho, „das ist eine Erfolgsstory, die ich zuvor noch nie erlebte, die immer etwas besonders in meiner Karriere bleiben wird“. Für einen Stürmer war´s bei der destruktiven Spielanlage mit einer Orgie an hohen Bällen, die man fast schon als Mondbälle bezeichnen konnte, schwer gut auszusehen, wenn er meist nur in Halshöhe  angespielt wurde.  Egho war trotzdem an fast allen der wenigen torgefährlichen Szenen bis zur zweiten Ampelkarte beteiligt: „Wir haben uns den Aufstieg durch die Leistung in Warschau verdient. Dort hätte wir höher gewinnen können.“

Spartak Trnavas Präsident und der Sportchef haben eine Österreich-Vergangenheit. Präsident Dusan Keketi stand  von 1983 bis 1986 bei Austria Klagenfurt im Tor, der Tscheche Pavel Hoftych spielte von 1996 bis 2000 in der Regionalliga Ost bei Klingenbach mit einem Ex-Austrianer (Hans Dihanich) und einen Ex-Rapidler (Karl Brauneder).  Sie haben eine Devise: Den Erfolg in bare Münze umsetzen, den finanziellen Background des Traditionsklubs verbessern. Auch mit dem Verkauf von Egho, der 2017 keine Ablöse kostete und jetzt ein Jahr vor Vertragsende eine nette sechsstellige Summe bringen würde. Dienstag wurde nach dem Match bereits verhandelt, Mit einem Klub aus Dänemark, der von Egho nach dessen Topleistung in Warschau total überzeugt ist, ihn sofort haben will. Egho ist noch am Überlegen. Mit dem ehemaligen Austria Co-Trainer Nestor el Maestro, der ihn in die Slowakei gelotst hatte, Donnerstag mit seinem neuen Klub CSKA Sofia in der Südstadt gegen Admira den Aufstieg in die dritte Runde der Qualifikation für die Europa League fixieren wird, hat er seine große Bezugsperson verloren. El Maestros Nachfolger, der ehemalige tschechische Teamspieler Radoslav Latal, in den Neunzigerjahren UEFA-Cup-Sieger mit Schalke, will die Meistertruppe offenbar total umkrempeln, auch einen neuen Stürmer holen. Bei ihm zählen die  Verdienste aus der vergangenen Saison nicht. Irgendwie auch eigenartig, dass Latal zwar der deutschen Sprache mächtig ist, aber mit Egho nicht auf deutsch kommunizieren will.

Und daher fühlt sich Egho in dieser Konstellation nicht ganz wohl, fast etwas außen vor. Yasin Pehlivan, der österreichische Ex-Teamspieler mit Rapid-Vergangenheit, ist bereits  weg, hinterließ eine merkbare Lücke im zentralen Mittelfeld. Er spielt lieber in der zweiten türkischen Liga bei Genclerbirligi Ankara. Egho ist noch hin-und hergerissen: Die Beliebtheit bei den Trnava-Fans, denen er Dienstag alle ihre zahlreichen Bitten um Fotos auch knapp vor Mitternacht erfüllte, der Anreiz Champions League oder der längerfristige Vertrag in Dänemark mit deutlich mehr Gehalt als bisher. Möglich, dass er als Kompromiss noch gegen Roter Stern Belgard spielt. Wahrscheinlich  geht´s aber im Endeffekt  nur darum, wie der Abschied verkauft wird. Als Entscheidung von Spartak Trnava oder von Egho. Er will jedenfalls nicht den Eindruck entstehen lassen, dass er Trnava im Stich gelassen hat. Die Hoffnung auf ein Comeback in Österreich ist nicht mehr realistisch. Nicht ganz nachvollziehbar.

Foto: Peter Linden Live.

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