Zuerst England in Miami, dann Weltmeister Argentinien in Kansas City mussten in den letzten Viertelfinalspielen der WM gegen Norwegen und die Schweiz in die Verlängerung, um ins Semifinale zu kommen, in dem sie Mittwoch in Atlanta aufeinandertreffen. Der Aufstieg der Engländer, das 2:1 (2:1, 1:1) wird als „Spidercam-Sieg“ in Erinnerung bleiben, das 3:1 (1:1, 1:1) der Argentinier im Zusammenhang mit der dümmsten roten Karte der WM. Die norwegischen Verlierer machten dem französischen Schiedsrichter Clement Turpin und seinem VAR Jerome Brisard Vorwürfe, die Schweizer dem portugiesischen Referee Joao Pinheiro.
Die Szene, die nach Englands Sieg für die meisten Diskussionen sorgte, passierte in der zweiten Minute der Nachspielzeit in der ersten Hälfte. Bei einem Abstoß von Norwegen-Keeper Orjan Nyland flog der Ball in Richtung der englischen Hälfte, traf in der Luft ein Kameraseil der Spidercam, die den TV-Sendern neue Kameraperspektiven bringt. Das Spiel ging weiter, der Ball fiel Englands Mittelfeldspieler Elliot Anderson vor die Füße, der prompt die Aktion zum 1:1-Ausgleich von Jude Bellingham einleitete. Die Norweger protestierten sofort, Turpin deutete an, dass er ein Gespräch mit VAR Brisard hatte. Das Tor zählte. Selbst englische Schiedsrichter-Experten meinten, das Spiel hätte unterbrochen und mit einem Schiedsrichter-Ball fortgesetzt werden müssen. Die FIFA erklärte, dass die Sensoren im Ball bei der Szene keinerlei Ausschlag gezeigt hatten.
Das große Torjägerduell zwischen Harry Kane und Erling Haaland fand eigentlich nicht statt. Norwegens Führung durch Benfica-Flügelspieler Andreas Schjeldrup fiel nach einem Kane-Ballverlust in der eigenen Hälfte, bei dem man auch auf Foul an Englands Kapitän hätte entscheiden können. Haaland verhinderte die 2:1-Führung der Norweger durch Torbjörn Heggem nach einem Eckball, weil er Gegenspieler Anderson niederstieß, bevor der Eckball geschossen wurde. Daher entschied Turpin nach VAR-Eingreifen auf Foul von Haaland und Wiederholung des Eckballs, der nichts brachte. Norwegen konnte einem leid tun, weil Heggem bei 1:1 die Latte traf und Bellinghams Siegestor in der dritten Minute der Verlängerung nach einem Fehler von Tormann Nyland, dem Helden des Aufstiegs gegen Brasilien, fiel (Bild). Mit seinem fünften und sechsten WM-Tor stellte Bellingham Kane und Haaland, der in der Pause der Verlängerung ausgetauscht wurde, in den Schatten. Bellingham zählt seit den gemeinsamen Zeiten bei Borussia Dortmund zu Haalands besten Freunden. Bellingham konterte auch die Kritik seines Teamchefs Thomas Tuchel an der Leistung seines Teams: „Er weiß ja nicht, wie es ist, bei solchen Verhältnissen zu spielen!“ Damit meinte er 33 Grad Hitze und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. Norwegens Verlierer werden nach der Rückkehr in Oslo von König Harald empfangen, Kronprinz Haakon war in Miami vor Ort. Wie viele andere Prominenz. Etwa Rolling-Stone-Mick-Jagger. Oder David Beckham, als Präsident von Inter Miami quasi eine Art „Hausherr“.
Die unfassbare Szene zwischen Argentinien und der Schweiz passierte nach 69 Minuten beim Stand von 1:1: Nach einem Zweikampf zwischen dem Schweizer Breel Embolo und Leandro Paredes zeigte Pinheiro dem Argentinier die gelbe Karte. Wenig später kam der Hinweis vom mexikanischen VAR Guillermo Pacheco, dass er sich die Szene nochmals anschauen soll. Es soll eine „Spielerverwechslung“ (auf Englisch „Mistaken identity“) passiert sein. Der Video-Schiedsrichter muss eingreifen, wenn nachweislich der falsche Spieler bestraft wurde. Die TV-Bilder waren eindeutig: Embolo ließ sich ohne Berührung fallen. Da er schon Gelb hatte,, hieß die Entscheidung Gelb-Rot, Ausschluss wegen einer Schwalbe. Embolo wusste, welche Dummheit er begangen hatte, brach in Tränen aus, die Schweizer Spieler waren geschockt. Diese Entscheidung „killte“ kurz nach dem Schweizer Ausgleich das Spiel. Die bis dahin besseren Schweizer konnten sich nur in die Verlängerung retten, in der Juliano Alvaret mit einem perfekten Schuss ins lange Eck nach 112 Minuten Argentinien in Führung brachte, ehe in der 120. Minute Lautaro Martinez alles klar machte. Atletico-Madrid-Stürmer Alvarez war bis zu seinem Supertor kaum aufgefallen.
Foto: FIFA.