Es fehlte nicht mehr viel auf Mitternacht, als mitten in der Jubelstimmung über das 10:0 (6:0) gegen San Marino, den höchsten Sieg in Österreichs Länderspielgeschichte, der das 9:0 gegen Malta 1977 in Salzburg unter Helmut Senekowitsch mit sechs Toren von Hans Krankl ablöste, und den neuen Torrekord von Marko Arnautovic, der mit vier Treffern Toni Polster überholte, jetzt mit 45 Toren eines voran liegt, Teamchef Ralf Rangnick bei aller Genugtuung über den historischen Abend sachlich festhielt: „Der wahre Maßstab, auch für meine Tätigkeit, ist erst die WM-Qualifikation“. Aber zu der machte sein Team Donnerstag vor 37.000 Zuschauern im Happel-Stadion einen Riesenschritt, hat mit einem Spiel weniger zwei Punkte Vorsprung auf Bosnien und die um neun Treffer bessere Tordifferenz. Bosnien ließ in Limassol gegen Zypern mit dem 2:2 (2:1) zwei Punkte liegen, kassierte den Ausgleich in der 97. Minute aus einem Elfmeter. Salzburgs Jungstar Kerim Alajbegovic spielte bis zur 64. Minute, in der Bosnien noch 2:1 führte. Durch das Unentschieden kam Rumänien zurück ins Spiel um Platz zwei, braucht daher Sonntag in Bukarest Punktezuwachs gegen Österreich. „Das wird eine ganz schwere Aufgabe“, prophezeite Rangnick, ließ sich vom knappen 2:1 (1:1) der Rumänien im Test gegen Moldau nicht blenden: „Da spielte nur die B-Garnitur“. Eine Prognose wagte er: „Sollten wir Rumänien schlagen, lassen wir uns das WM-Ticket sicher nicht mehr nehmen!“
Alles spricht dafür, dass es so sein wird. Auch Rangnick dachte bei seiner Aufstellung schon an Sonntag. Im Tor bekam Patrick Pentz sein 17. Länderspiel, bei dem er nicht ernsthaft geprüft wurde, Sonntag spielt Alexander Schlager. In der Abwehr durften neben Kapitän David Alaba diesmal Stefan Posch, Kevin Danso statt Philipp Lienhart und Linksfuß Alexander Prass statt Philipp Mwene ran. Nicolas Seiwald war der einzige „Sechser“, hinter der Doppelspitze mit Arnautovic und Michael Gregoritsch agierten Romano Schmid, Konrad Laimer und Marcel Sabitzer. San Marino-Coach Robert Cevoli tat Österreich den Gefallen, nicht den Strafraum zu verbarrikadieren, sondern mitspielen zu wollen. Das half natürlich. Nach drei Minuten ein Stangenschuss von Sabitzer, nach acht Minuten das 1:0, als eine Flanke von Romano Schmid, die für Gregoritsch gedacht war, im langen Eck landete. In der gleichen Minute das 2:0 von Arnautovic per Kopf nach Flanke von Sabitzer. Nur noch zwei Tore Rückstand. Nach 24 Minuten das 3:0 von Gregoritsch, ehe´der israelische VAR Daniel Bar Natan ein Tor des Grazers wegen Abseits annullierte. Die Antwort war der erste Doppelpack von Rechtsverteidiger Posch im Teamdress. Samt Babyjubel, da er bald Vater wird. Noch vor der Pause setzte Laimer einen drauf. Die zweite Hälfte begann mit dem zweiten Arnautovic-Tor, mit dem er Polster bis auf eines nahekam. Dann gab Referee Yigal Frid einen Elfmeter, den Arnautovic geschossen hätte, aber nicht durfte, da Referee Yigal Field seine Entscheidung nach einem On Field-Review mitten in die „Marko, Marko“-Sprechchöre hinein, zurücknahm.
25 Minute herrschte etwas Flaute, ehe die Einwechslung von Nikolas Wurmbrand noch für ein furioses Finale sorgte. Er kam in der 71. Minute, zugleich wurde Seiwald in seinem 32. Länderspiel erstmals vorzeitig ausgetauscht. Wurmbrand brauchte nur sechs Minuten bei seinem Teamdebüt, um mit links von der Strafraumgrenze sein erstes Tor für Österreich zu erzielen. Der 19 jährige dürfte ein Debüt-Spezialist sein: Auch bei seinem Bundesligadebüt für Rapid erzielte er im vergangenen Herbst ein Tor in Wolfsberg. Wurmbrand setzte mit dem 8:0 den Startschuss zum Arnautovic-Furioso: Zunächst ein vergebener Sitzer, dann nach Pass von Joker Grillitsch das 9:0, der „Ausgleich“ gegen Polster. Eine Minute später nach Wurmbrand-Assist der Treffer zum zweistelligen Sieg, mit dem er Polster überholte. Arnautovic und Wurmbrand feierten zunächst alleine hinter dem Tor (Bild), ehe alle Mitspieler zum Jubel kamen. auch alle von der Ersatzbank. Der bereits ausgetauschte Alaba lief dazu über das Spielfeld, weshalb ihm der kleinliche Referee die gelbe Karte zeigte. Arnautovic küsste noch den Rasen, mit dem Schlusspfiff begann ein Jubelorkan.
Arnautovic lief nach der Ehrenrunde hinauf auf die Tribüne, um seinen Vater zu umarmen. Da flossen auch Tränen.“Ich bin froh, dass dieses Thema erledigt ist“, meinte Rangnick zum Arnautovic-Rekord, für den er ihn auch wie beim 4:0 in San Marino durchspielen ließ. Bei allem Lob für den Rekordinternationalen und Rekordtorjäger in Personalunion, weil er herausragende Klassestürmer anderer Generationen, Krankl und Polster übertraf, sagte Rangnick aber auch: „Jetzt können wir uns wieder auf das wesentliche konzentrieren, in Rumänien zu gewinnen!“ Zum Unterschied vom ersten Duell gegen den Letzten der Weltrangliste im Juni ließ Österreichs Team nach dem 4:0 nicht nach. Ein Dank an die Zuschauer. „Wir haben uns vorher intern einen zweistelligen Sieg als Ziel gesetzt, ohne es zu sagen“, verriet Arnautovic in der Mixed-Zone., „nach meinem ersten Tor ahnte ich, dass es klappen wird!“ In Wahrheit ist seine Quote etwas schlechter als die von Krankl und Polster. Die beste hat Krankl mit 33 Treffern in nur 69 Spielen (Schnitt 2,09), gefolgt von Polster (44 in 95, Quote 2,16) und Arnautovic (45 in 128, Quote 2,62). Wenn Sonntag die Stimmung auch so gut ist wie Donnerstag, dann passt alles.
Foto: APA/Georg Hochmuth.