Fußball

Das Ajax-Wunder: Real Madrid verlor in sieben Tagen alles

Der 5. März 2019 wird als Dienstag der Erdbeben in die Fußballgeschichte eingehen. Passiert in München und Madrid. In München, wo der deutsche Teamchef Jogi Löw zu Mittag im Bayern-Trainingszentrum an der Säbener Straße drei Spielern, ohne die er 2014 nicht Weltmeister geworden wäre, eröffnete, sie nicht mehr in die Nationalmannschaft zu holen: Die 30jährigen Jerome Boateng und Mats Hummels sowie der ein Jahr jüngere Thomas Müller gehören nicht mehr zu den Planungen für die Europameisterschaft 2020. Ein glücklicher Teamchef, der glaubt, es sich leisten zu können, auf die Erfahrung von zusammen 246 Länderspielen verzichten  zu können. Mit jedem des Trios redete Löw genau fünf Minuten, um ihm seine Beweggründe für den Umbruch zu erklären. Nachher versicherte Löw, er sei überzeugt, das jeder von ihnen bei Bayern weiter Topleistungen bringen werde. Passt irgendwie nicht zusammen.

Aber das war nichts im Vergleich zum Erdbeben, das am Abend ab 21 Uhr das Bernabeu-Stadion und Real Madrid erschütterte. Dort verschoss der Champions League-Titelverteidiger mit dem 1:4 (0:2) gegen Ajax Amsterdam seine letzte Patrone, die Saison noch zu retten, verspielte daheim innerhalb von sieben Tagen alles: Zunächst letzten Mittwoch mit dem 0:3 im Clasico gegen den FC Barcelona die Chance auf die Copa del Rey. Drei Tage darauf mit dem 0:1 im nächsten Clasico die Mini-Chance, noch ins Titelrennen einzugreifen. Jetzt hat Real als Dritter zwölf Punkte Rückstand. Wieder drei Tage später folgte das brutale Ende aller Hoffnungen auf den vierten Sieg hintereinander in der Champions League. Mit der höchsten Niederlage, die Real Madrid bisher in k.o.-Spielen im Bernabeu erlitt. Wahnsinn. Um die Dimension dieses Abends  zu unterstreichen: Bisher verspielte Real Madrid im Europacup nur einmal nach einem Auswärtssieg daheim den Aufstieg. Passierte 1994/95 im Achtelfinale des UEFA-Cups gegen die dänischen Außenseiter aus Odense. Auswärts gewann Real 3:2, verlor dann daheim 0:2, wobei der entscheidende Treffer nach 92 Minuten fiel. In Dänemark jubelte man damals über das Wunder von Madrid. In Holland ist das seit Dienstag Abend nicht anders. Der Unterschied: Ajax führte bereits nach 17 Minuten 2:0, war nach dem 1:2 in der Johan Cruyff-Arena ab diesem Zeitpunkt weiter.

Ein unnötiger Ballverlust von Toni Kroos im Mittelfeld läutete das Ende Real Madrids ein. Nach fünf Minuten hatte Frankreichs Weltmeister Raphael Varane bei der Chance zur Führung an die Latte geköpfelt, drei Minute darauf begann die große Wende. Bei der versuchten Aufholjagd schien es, als würde Real noch immer seinen Torjäger Cristiano Ronaldo suchen. Aber den gibt es ja seit letzten Sommer nicht mehr. Seine Tore fehlten sehr, dazu kamen die Sperre von Kapitän Sergio Ramos und die Verletzungen der Stürmer Lucas Vazquez und Vinicius Junior, die vor der Pause verletzt ausschieden. So kam Gareth Bale, empfangen von einem Pfeifkonzert der Real-Fans, traf bei 0:2 auch nur die Latte.

„Keiner von uns brachte über die Saison konstant seine Leistung“, gab Kroos nach dem Desaster zu, meinte zum Pfeifkonzert der Fans nur: „Sie vergessen schnell, dass wir zuvor dreimal hintereinander die Champions League gewonnen haben. Das wird nie mehr eine anderen Mannschaft schaffen.“ Und damit auch kein anderer Trainer als Zinedine Zidane. Mit seinem Rücktritt begannen Reals Probleme. Nachfolger Julen Lopetegui musste schon im November gehen, der völlig unerfahrene Santiago Solari bekam die Lage nie in den Griff.  Daher erstmals seit neun Jahren nicht mehr im Viertelfinale,  die Regentschaft in der Königsklasse nach mehr als 1000 Tagen vorbei. Beendet von Ajax. Real Madrid sucht einen klingenden Trainernamen, neue Stars.

So viele Tore in der Champions League erzielt Ajax zuletzt am 19. April 1995 daheim beim 5:2 im Semifinale gegen Bayern München unter dem späteren Bayern-Trainer Louis van Gaal. Darauf folgte der Champions League-Triumph im Wiener Happel-Stadion durch in 1:0 gegen Milan. Zu den fünf Torschützen gegen Bayern hatte auch der jetzige Sportchef Marc Overmars gehört. Gemeinsam mit dem Finnen Jari Litmanen, Ronald de Boer und Finidi George. Die Helden von 2019, die sich nachher am Bernabeu-Rasen ausgelassen zum Siegerfoto stellten (Bild oben) heißen untere anderem Hakim Zayech, ein 25jähriger Marokkaner, und David Neres, ein 22jähriger Brasilianer. Sie sorgten für das schnelle 2:0. Jeweils nach Assist des 30jährigen Serben Dusan Tadic. Mit ihm war auch Österreichs Teamabwehr bei der verpassten Qualifikation zur WM 2018 nie zurecht gekommen. Viele in Holland schüttelten den Kopf, als Overmars letzten Sommer zwölf Millionen Euro zahlte, um Tadic von Southampton zu holen. Alleine mit dem Match in Madrid war er sein Geld wert. Denn er erzielte auch das 3:0, das erst nach fünf Minuten Pause wirklich zählte. So lange dauerte der Videobeweis, ob der Ball vorher mit vollem Umfang im Out war oder nicht.  De Mini.Hoffnungen von Real nach dem Anschlusstor von Marco Asensio dauerte nur drei Minuten, Dann zirkelte der 32jährige Däne Lasse Schöne einen Freistoß ins lange Eck.

„Wir wollten nur so spielen, wie wir es gewohnt sind. Auch auswärts“, erklärte Trainer Erik ten Hag die Gala in ungewohnten schwarzen Dressen. Die in Sevilla ein Wiener vor dem TV-Schirm wohl auch verwundert und verblüfft verfolgte: Max Wöber. Im Dezember hatte er noch mit Ajax in der Champions League gegen Bayern gespielt. Auch ohne Wechsel zum FC Sevilla wäre er im Bernabeu-Stadion nicht dabei gewesen: Wegen der Sperre nach der roten Karte gegen Bayern.

Das in Madrid eher unerwartete Wunder blieb in Dortmund, wo man auf eines gehofft hatte, aus. Dort verballerte es der deutsche Tabellenführer Borussia Dortmund nach dem 0:3 in Wembley gegen Tottenham im wahrsten Sinne des Wortes: 21 Torschüsse, nie getroffen, an Tormann Hugo Loris gescheitert. Tottenhams Torjäger Harry Kane nützte seine einzige Chance zum 1:0-Auswärtssieg. Damit stehen die „Spurs“ zum zweien Mal im Viertelfinale.

Foto: ©Ajax Amsterdam Media.

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