Fußball

Meine elf Weltmeisterschaften: 1998! Das Drama mit dem Kaiserschmarr´n

Zwischen 1974 und 2014 war ich bei elf Weltmeisterschaften  live vor Ort, vor zwanzig Jahren letztmals mit Österreich. Nach dem Scheitern in der Qualifikation für die WM 1994 und die Europameisterschaft 1996 hatte das Team und sein Chef Herbert Prohaska in der Öffentlichkeit nicht viel Kredit mehr. Aber ÖFB-Präsident Beppo Mauhart blieb bei Kontinuität. Das 0:0 zum Start gegen Schottland in Wien bestärkte die Zweifler. Das Auswärtsspiel gegen Schweden galt als richtungsweisend für alle. Am 9. Oktober 1996 gelang im Rasunda-Stadion von Stockholm ein denkwürdiges 1:0 durch ein schnelles Tor von Andi Herzog und einen gehaltenen Elfmeter von Michael Konsel. Wenn man auf die Aufstellung schaut: Die Sieger von Stockholm sind heute Sportchef in Österreich (Peter Schöttel) und Neuseeland (Andi Heraf), erfolgreiche Trainer, die Meistertitel gewannen wie Peter Stöger und Adi Hütter. Österreichs Schlüssel zum WM-Ticket: Kein Punkteverlust gegen Lettland, Estland und Weißrussland, auch das zweite direkte Duell gegen Schweden 1:0 gewonnen. Wieder durch ein goldenes Tor von Herzog.

Die Dezember-Auslosung im bitterkalten Marseille brachte wie 1990 Italien als Gegner, dazu Chile und Kamerun. Die Devise: Zu schaffen, wenn alles passt, wenn die Leitwölfe wie Herzog, Toni Polster und Abwehrchef Wolfgang Feiersinger funktionieren. Aber die Vorbereitung im Frühjahr hätte besser laufen können als mit Niederlagen gegen Ungarn und die USA. Noch nichts zu sehen von „Wunderknaben“, wie Österreichs offizieller WM-Song, komponiert und gesungen vom weltberühmten Udo Jürgens, hieß. Aber um einen gab´s Sorgen: Herzog musste sich gleich nach der Qualifikation einer komplizierten Zehenoperation unterziehen, brauchte Spezialschuhe. Im letzten Bundesligaspiel vor der WM mit Bremen i Stuttgart bekam er einen Schlag auf die ramponierte Zehe, die Schmerzen waren wieder da. Und Polster, von dessen Form das Team zwar nicht mehr so extrem wie 1990, aber doch abhängig war, war mit dem 1.FC Köln abgestiegen.

Prohaska wählte Margaux im Weinbaugebiet Medoc rund um Bordeaux als Stammsquartier aus. Ein Nest mit 1396 Einwohnern, weltbekannt durch sein Weingut. Trainiert wurde in Arsac, wo im Stadion das große Staunen ausbrach, als Zeugwart Helmut Legenstein mit 65 Kisten anrückte. Die Österreicher kamen fast inkognito in Bordeaux an: Ein einziges TV-Team, nicht einmal eine Musikkapelle, ein krasser Gegensatz zur Verabschiedung daheim.Kamerun hieß der erste Gegner in Toulouse mit einem pikanten und heißen Rapid-Duell: Peter Schöttel ggen Sammy Ipoua. Gegen den Schöttel als grün-weißer Kapitän nach dessen letzter roter Karte zwei Monate zuvor im Derby gegen Austria klar Stellung bezogen hatte, Dass Ipoua, der sich in Österreich von Gott und der Welt schlecht behandelt gefühlt hatte, heiß auf dieses Match war, wusste Schöttel.

Mauhart beschwor nach dem ersten Abendessen im „Relais de Margaux“ den Geist von Schweden, Kapitän Polster warnte vor einer Selbstzerfleischung. Im Training fiel doch auf, dass Herzog nicht an seine Schweden-Form herankam. Prohaska beantwortete die Frage, was ihm seine erste WM als Trainer bedeuten würde, vielsagend: „Als Spieler konnte ich die Dinge schon viel mehr beeinflussen.“ Teamsponsor „Burgenland“ lud zu einem Willkommensabend ins „Relais de Margaux“, bei dem sich zum einzigen Mal die Tore  des streng bewachten WM-Quartiers öffneten. Serviert wurden zum Essen keine erlesenen Bordeaux-Weine, sondern als Verbeugung vor dem  Teamsponsor nur welche aus dem Burgenland. Den ansässigen Kellnern merkte man die Überwindung an, die es ihnen kostete, keine Bordeaux-Weine auszuschenken Fast eine Kulturschande.

Teamrzt Ernst Schopp fxierte gemeinsam mit Teamchef Romeo Auer jede einzelnen Mahlzeit. Die letzten vor dem  Auftakt gegen Kamerun: Truthahn-Champignon-Spieß mit Kartoffelpüree oder Reis, Reisfleisch, Teigwaren, ein kleines Rindsfilet und Gemüse. Ein Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat war von Schopp nur als Belohnung für Siege eingeplant. Nach dem Kamerun-Spiel gab´s keines: Österreich kämpft vor über 10.000 Fans aus der Heimat verbissen, blieb spielerisch unter den Möglichkeiten und vor dem Tor zu harmlos, geriet in der 77.Minute, als Ipoua schon ausgetauscht war, in Rückstand, den Polster in der Nachspielzeit nach einem von Toni Pfeffer verlängerten Eckball Peter Stögers egalisierte. Ein Hammer mit rechts unter die Latte, sein erstes WM-Tor. Dazu tags darauf der liebevolle Titel in der italienschen Gazzetta dello Sport: „Polster: Sag nie Alter zu ihm.“ 34 Jahre und noch immer torhungrig.

Nach dem Match kam´s zu großen Panne. Im Hotel Palladium, nur zehn Minuten vom Stade Municipal entfernt, ließ Schopp von Auer  Reisauflauf und Kaiserschmarrn als ersten Teil der Vorbereitung auf das zweite Spiel gegen Chile bereit stellen, um die leeren Energiespeicher wieder aufzuüllen. Als das Team ins Hotel kam, war der Kaiserschmarrn aber weg. Dem großen Appetit der  Leibwächter von  Bundeskanzler Viktor Klima, der nach Toulouse  gekommen war, nach dem Spiel im Hotel die Mannschaft traf, zum Opfer gefallen. Schopp war außer sich, auch der ohnehin durch das Match leicht gereizte Prohaska ziemlich sauer.

Zwei Tage später traf er sich zum Chile-Gipfel mit Sturms Meistermacher Ivica Osim, der als „Spion“ fungierte, das 2:2 gegen Italien beobachtete, Gegen Chile wurde Polster im Stade Geoffroy von St.Etienne Österreichs Rekordinternationaler, stellte mit 93 Länderspielen die Marke des verstorbenen Gerhard Hanappi ein. Dabei  traf er auf seinen Partner aus Seviilla-Zeiten,  auf Torjäger Ivan Zamorano. Wie Polster war auch Zamorano Kapitän. Zeugwart Legenstein nahm nach Bordeaux als Glücksbringer eine weinrote Tasche mit, die schon 1978 zu seiner Ausrüstung gezählt hatte. Die fiel zwar schon fast auseinander, sollte aber noch einmal wie damals beim 3: in Cordoba Glück bringen. Skisuperstar Hermann Maier drückte auf der Tribüne die Daumen.

Das Glück beschränkte sich auf den späten Ausgleich nach 92 Minuten und fünf Sekunden durch den nach 74 Minuten eingewechselten Ivo Vaastic. Er zirkelte den Ball ins Kreuzeck. Die theoretischen Aufstiegsahcencen gerettet, obwohl einige Stützen weiter unter Normalform blieben, Herzog kam erst zur zweiten Hälfte. Der sensationelle Spielverauf versöhnte, Tränen flossen. Italien war nach dem 3:0 gegen Kamerun schon aufgesteigen, danach war alles möglich. Bis zum Entscheidungsspiel im Stade de France von Paris gegen Italien stand eine „Popeye“-Kur am Speiseplan, viel Spinat. Auf Prohaskas Wunsch kamen erstmals ein Handy und ein Kofferradio mit auf die Bank. Denn es konnte ja sein, dass ihn der Spielstand von Chile-Kamerun in Nantes sehr interessierte Am 23. Juni 1998 um 17.52 Uhr war Österreich aber ausgeschieden: 1:2 gegen Italien nur Dritter hinter Chile. Den Südamerikanern reichte ein 1:1 zum Aufstieg. Über 10.000 österreichische Fans sahen die beste WM-Leistung sei Cordoba, aber es wollte nicht sein. Ein Treffer in der Nachspielzeit, diesmal durch Herzog aus einem Elfer, reichte nicht.  Polster war stinksauer ohne Blick zur Trainerbank in die Kabine getrabt, als ihn Prohaska in der 61. Minute herausgewunken hatte. Die traurige Wahrheit: Hätte Österreich mit der selben Hingabe auch gegen Kamerun und Chile angegriffem, wäre sicher der Aufstieg gelungen. Schon vor dem unglücklichen Italien-Match, bei dem auch der englisch Referee Paul Durkin eine ungute Rolle spielte. Wie auch die FIFA-Schiedsrichterkommission bei ihrer Analyse feststellte: Einen Elfer für Österreich bei 1:0 für Italien nicht gegeben, der Pass zum zweien Italien.Tor kam aus Abseitsposition. Das half auch nicht mehr, Prohaska meine danach, er würde nichts anders machen.

Dieses 1:2 blieb bis heute Österreichs letztes Spiel bei einer Weltmeisterschaft. Herzog jetzt im Blick zurück: „Wir machten Kamerun und Chile leider stärker als sie waren.  Es war keine schöne Zeit, weil auch der interne Zusammenhalt fehlte.“ Sturms Präsident Hannes Kartnig hatte immer wieder lautstark sein magisches Meistertrio mit Hannes Reinmayr, Ivo Vastic und Mario Haas in die Mannschaft reklamiert, hinter den Kulissen versucht, Stimmung gegen Herzog zu machen. Dem ÖFB blieben am Ende drei Millionen Schilling, das wären heute nicht einmal 200.000 Euro, als Nettogewinn. Die österreichischen Journalisten msusten sich mit anderen Themen beschäftigen. Wie 1990 mit Österreichs Referee bei der WM, der Günter Benkö hieß, der bei Jamaikas erstenWM-Sieg (2:1 über Japan) pfiff., aber nicht zu den zehn auserwählten für die letzten acht Spiele zählte.

Geschichte schrieb mit Laurent Blanc Frankreichs ältester Spieler. Der erste, der bei einer WM ein Match durch ein Golden Goal“ entschied. Nach 113 Minuten und 29 Sekunden zum 1:0 gegen Paraguay in Lens. Sah zwei Tage später das Duell der Ex-Weltmeister Argentinien und England in St.Etienne mit der roten Karte für David Beckham, der sich von Diego Simeone, jetzt Trainer bei Atletico Madrid, provozieren ließ. 2:2 nach 120 Minute, 4:3 für Argentinien im Elferschießen. Also begleitete ich die Franzosen, kehrte ins Stade de France zum Viertelfinale gegen Österreichs.Bezwinger Italien zurück. Prohaska sah es daheim in Klosterneuburg im Fernsehen, gestand am Telefon: „Je mehr Spiele ich sehe, desto mehr tut mir unser Ausscheiden weh.“

Natprlich gab´s vor Anpfiff das gewohnte Ritual: Ein Küsschen von Abwehrchef Blanc auf die Glatze von Tormann Fabien Barthez. Dann ließ die Abwehr um Marcel Desasilly (Bild unten) wie in der vorrunde und im Achtelfinale nichts zu. Aber auch Italiens Catenaccio hielt. Daher Elfmeterschießen. Um 19.14 Uhr ertrank dann Frankreich im Jubelmeer: Da donnerte Luigi di Biagio, ein Mitspieler von Österreichs Teamkeeper Konsel bei AS Roma, seinen Penalty an die Querlatte. Damit war Frankreich im Semifinale. Einen Tag darauf mit dem Schnllzug TGV nach Marseille zur Neuauflage des WM-Finales von 1978. Diesmal mit dem Happy End für Holland. 2:1 und damit im Semifinale. Tags danach bat Franz Beckenbauer ins „Le Pavillon Dauphine“ am Ende der Nobelstrasse Avenue Hoch. Im „Club Opel“ bat er zum deutschen Abend, garnierte den nach dem deutschen k.o. im Viertelfinale gegen Kroatien unter Nachfolger Berti Vogts mit einigen netten Sagern. Wie über Gruppenspiele, für die man kein schönes Stadion gebraucht, auch ein Sandplatz gereicht hätte. Da zählte er Österreichs 1:1 gegen Kamerun dazu: „Ich frag mich´, wie Österreich so blind Fußball spielen kann. Gegen Italien waren sie brav.“ Und abschließend meinte er mitleidig: „Ihr wards halt zu wenig tüchtig. So wie die Deutschen“. Damit verabschiedete er sich von der WM. „Ich wünsche allen, die zur nächsten mit 32 Nationen nach Japan und Südkorea reisen, schon jetzt viel Vergnügen. Die schau ich mir höchstens daheim im Fernsehen an. Aber eigentlich wollt ích den ganzen Schmarr´n gar nicht sagen.“

Frankreich setzte sich im Semifinale gegen WM-Neuling Kroatien 2:1 durch. Der Verbandschef der Kroaten war ein ehemaliger Rapid.Trainer, zuvor Spieler bei Austria und dem Wiener Sportclub: Vlatko Markovic. Den freute das 2:1 im Spiel um Platz drei gegen die im Semifinale an Brasilien im Elferschießen  gescheiterten Holländer mächtig. Das Traumfinale im Stade de France war eine klare Angelegenheit für Frankreich: 3:0 gegen Brasilien mit dem überragenden Zinedine „Zizou“ Zidane, der bis zur Pause für eine 2:0-Führung sorgte. Zwei Tage vor dem Nationalfeiertag. Ex-Star Michel Platini fiel als OK-Chef Staatspräsident Jacques Chirac um den Hals. Der Kapitän, der 53 Minuten vor Mitternacht den WM-Pokal übernahm, ist 20 Jahre später Teamchef: Didier Deschamps. Bis drei Uhr früh übertrug das TV direkt  die Busfahrt der Weltmeister vom Stadion ins Quartier nach Clairefontaine. Menschenmassen standen Spalier. Frankreichs Sportbibel „LÉquipe“ erhöhte am Tag nach dem Finale die Auflage,musste trotzdem nachliefern, entschuldigte sich auf Seite eins bei Weltmeisterteamchef Aime Jacquet für die viele Kritik an ihm. In Balkenlettern,

 

Foto: © FIFA (Getty Images).

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