Fußball

Meine elf Weltmeisterschaften: Public Viewing in Soweto, don´t panic und Jimmy Jump

Von 1974 bis 2016 war ich an elf Weltmeisterschaften live dabei, auch 2010 bei der ersten in Afrika. Bereits ein Jahr vor dem Anpfiff in Südafrika, einem Land, in dem pro Stunde zwwei Menschen umgebracht wurden, wusste ich, dass die sicher meine lauteste, vielleicht sogar die lauteste Veranstaltung der Sportgeschichte wird. Dank der Geheimwaffe Südafrikas namens Vuvuzela. Die lernte 2009 beim Confed-Cup in Johannesburg kennen. Eine umstrittene tröte mit einem Klang den man mit dem eines Nebelhorns oder dem Trompeten eines Elefanten vergleichen konnte. Nur beim Abspielen der Hymnen mussten die Vuvuzelas schweigen. Da stand die erste Hörsturz-WM bevor. Im Dezibel-Vergleich war die Vuvuzuela lauter als ein Presslufthammer oder ein Rock-Konzert. Am Flughafen Johannesburg empfingen einen riesige Plakate mit Volksheld Nelson Mandela und WM-Pokal. Das erste sonderbare Erlebnis gab´s beim Bankomaten: Die Karte kam nicht mehr zurück. Eine Dame in der Bank kontrollierte die Geldmaschinen, behauptete, keine zu finden. Daher zu einem der vielen Polizisten am Flughafen. Der ging mit mir in die Bank, forderte, das Überwachungsvideo zu sehen. Die Dame ging in Begleitung des Filialchefs nochmals zur Maschine, plötzlich war die Karte auf wundersame Weise wieder da. Ja das ist Afrika.

Auf einen Tipp des ehemaligen ÖFB-Pressechefs Wolfgang Eichler, der zur WM-Pressecrew gehörte, engagierte ich einen südafrikanischen Fahrer, mietete im Johannesburger Stadtteil Sandton, der nicht nur als nobel und reich, sondern auch als sicher galt, ein Apartment in einer Wohnanlage. Umgeben von hohen Mauern, dazu ein elektrischer Zaun. Vor den Fenstern und der Tür innen und außen Gitter. Dazu von sechs Uhr abends bis in der Früh ein Wachposten am Eingang der Anlage. So gut bewacht war ich in meinem Leben davor und danach nie wieder. Schlief auch noch nie mit einem automatisch verstellbaren Bettwärmer. Im südafrikanischen Winter, der zur WM-Zeit herrschte, gab´s kalte Nächte. Die Soccer City von Johannesburg, dem Stadion von Eröffnung und Finale. hatte einen östereichischen Sicherheitschef: Den steirischen Landesverbandspräsident Gerhard Kapl. Der alles penibel kontrollierte. Auch ein zwei Meter langes Gitter zwischen Tribüne und Rasen, in dem sich Fans, die auf das Feld sprinten wollten, verfangen sollten. Dahinter wartete die Security. Grund dafür war die Angst vor dem berühmten Flitzer „Jimmy Jump“, zuvor bekannt geworden durch Auftritte in der Formel 1, beim Euro-Finale in Lissabon, dem Eurovision Song Contest etc. Rund um die Eröffnung, dem 1:1 zwischen der  Bafana, wie in Südafrika das Nationalteam genannt wird und Mexiko, herrschte ein WM-Chaos wie noch nie. Überall in Johannesburg. Schon im Zentrum brach der Verkehr zusammen. Die Odyssee ins Stadion mit dem Medienbus dauerte vier Stunden und 44 Minuten. Rund um die Eröffnung machten Nachrichten von Überfällen auf Journalisten und Touristen, Einbrüche in die Spielerzimmer des griechischen Teams in Durban, die Runde. Aber der eitle FIFA-Präsident aus der Schweiz, Sepp Blatter, ließ sich bejubeln. Weil er sich für die WM am afrikanischen Kontinent eingesetzt hatte, Er spekulierte sogar mit dem nächsten Friedesnobelpreis.

Am Tag nach dem Chaos landeten Österreichs Teamchef Didi Constantini und Assistent Heinz Peischl in Johannesberg, fuhren weiter ins Sheraton-Hotel von Pretoria, in dem deutsche Sonsoren und Legenden wohnten. Deutschland war der übermächtige Gegner in der folgenden Qualifikation für die Euro 2012. Constantini sah Deutschlands 0:1 gegen Serbien. Zuvor von Ghana geschlagen. Das 1:0 der „Black Stars“bedeuteten den ersten afrikanischen WM-Sieg in Afrika. Brasiliens 2:1 gegen Nordkorea bei plus drei Grad bedeutete das kälteste Spiel der WM-Geschichte, am Nationtalfeiertag Südafrikas verstummten die Vuvuzelas. Statt Sieg für Volksheld Nelson Mandela 0:3 gegen Uruguay in Pretoria. Constantini kam jeden Tag ins Staunen: Beim Brasiien-Spiel gab´seinen Tiroler Treff. Er sass im Ellis-Park von Johannesburg  neben Ex-Teamspieler Manfred Linzmaier, der als Scout für Meister Red Bull Salzburg nach Verstärkungen Ausschau hielt. Österreichs Botschafter im WM-Land, der deklarierte Rapid-Anhänger Otto Ditz, löcherte den Teamchef mit Fachfragen: „Ärger als jeder Journalist“.

Die Schweiz jubelte über ein 1:0 gegen Europameister Spanien, das zu Aufregungen um den spanischen Kapitän im Tor, Iker Casillas, führte: Hinter seinem Kasten stand seine Freundin, die aparte TV-Reporterin Sara Carbonero, die er Jahe später heiratete. Danach musste sie sich Fragen stellen, ob sie Casillas ablenke, Spaniens Team destabilisiere. Sie flötete zurück: „Absoluter Schwachsinn.“ Noch mehr Aufregung in Kapstadt: Ein englischer Fan schaffte es nach dem 1:1 gegen die USA  in die Kabine des Teams vorzudringen, beschimpfte Teamchef Fabio Capello und Wayne Rooney, ließ sich erst von David Beckham beruhigen und aus der Kabine bringen.

Für das letzte Gruüenspiel Südafrikas hatte ich ein spezielle Idee: Anschauen beim Public Viewing, dem größten in Johannesburg im Thokoza-Park in Soweto: „Müsste sicher sein“ meinte Botschafter Ditz. Die Anfahrt wurde zum Abenteuer: Polizeisirenen im dichten Verkehr auf der Autobahn. Ein Toyota wurde verfolgt, gestellt, Alle hielten an,der Fahrer sprang mit einem Gegenstand in der Hand heraus. Eine Pistole? Die Polizisten erschießen ihn, als er flüchten will. Ich sass etwas mehr als 200 Meter entfernt. Mein Fahrer Sydwell sagte kurz: „Don´t panic.“ Thokoza bedeutete sei fröhlich. In Soweto lebten viele Millionen, viele Arbeitslose. Es gab Gegenden,die man besser meidet. Sydwell gab mir den Tipp,, Uhr und Handy bei ihm im Auto zu lassen. Die meisten Fans trugen gelbe T-Shrts. Aus Verbundenheit zur Bafana. Teamdressen konnten sie sich nicht leisten. Vuvuzelas hatten sie. Von einer Firma, die sie verschenkte. Von einem Bestattungsinstitut. Die Wiese um die Leinwand war dreimal so groß wie ein Fußballfeld. Es waren mehr als 10.000 Menschen dort. Sie sangen mit den Spielern das Lied, das die anstimmten, als sie in Bloemfontein gegen Frankreich auf das Feld gingen. Alles tanzte, hüpfte, schrie, sang, tröstete, als das Spiel lief. Sie feierten weiter, obwohl Süafrika trotz 2:1 über Frankreich nicht aufstieg. Oft hat man in Soweto nicht Grund zum Feiern. Viele Jugendliche stolperten besoffen oder zugedröhnt über die Wiesen.

Ghana blieb trotz 0:1 gegen Deutschland im Bruderduell (Kevin Prince Boateng gegen Jerome Boateng) das einzige afrikanische Team im Achtelfinale. Heim musste Titelverteidiger Italien  nach einem blamablen 2:3 ohne den verletzten Gianluigi Buffon  gegen WM-Debütant Slowakei, der in der Kärntner Höhenlage von Bad Kleinkirchheim Kraft für die WM getankt hatte. Marcello Lippi, wie vier Jahre zuvor beim WM-Triumph Teamchef, legte eine Schreckens-Beichte ab: „Vom Können, Kopf und Herzen waren wir nicht gut genug. Ich übernehme die Verantwortung.“ Dabei verzog er keine Miene. Noch ein zweiter Österreic-.Nachbar war erstmals bei der WM dabei: Slowenien! Aber er scheiterte an England. Teamchef war der ehemalige GAK-Legionär Matjez Kek, sein damaliger Trainer  sein  WM-Assistent: Milan Miklavic, der acht Trainerstationen in Österreich hatte. Als ich sie im Hotel besuchte, stellte mir Miklavic den jüngsten im Kader vor. Der hieß Rene Krhin, unterhielt mich mit Geschichten, die er bei Inter Mailand mit Marko Arnautovic erlebt hatte. Mit der Schweiz verabschiedete sich noch ein Nachbar. Trotz der Autaktsensation gegen Spanien.

Eine Attraktion der WM hieß Diego Maradona als Teamchef Argentiniens mit den Stars Lionel Messi, Carlos Tevez und Gonzalo Higuain. Wie er in der Coaching Zone herumtobte, war sehenswert.  „Dank ihm hat Argentinien die meiste Leidenschaft“, urteilte Constantini. Beim 3:1 über Mexiko gab´s eine Pausen-Keilerei um ihn hinter Mexikos Bank. Im Viertelfinale wartete der Knüller gegen Deutschland. Als Spieler hatte Maradona je ein WM-Finale gegen die Deutschen gewonnen und verloren. Die Deutschen, bei denen der Stern eines Manuel Neuer, Thomas Müller oder Mesut Özil aufging, warfen zunächst England mit 4:1 raus, profitierten davon, dass ein klares Tor von Frank Lampard bei 2:1 nicht gegeben wurde, sorgten für Diegos schwerste Stunde. Sieben Tröster waren für ihn nach dem 0:4 im Green-Point-Stadion von Kapstadt zu wenig. Er hatte mit allem gerechnet, nur mit keinem Debakel. Auf der Pressekonferenz, als er weinend erklärte, sich keines Fehlers bewusst zu sein, wirkte er wie unter Beruhigungsmitteln. Gab zu, das schmerze ihn wie ein Haken von Muhammad Ali. Obenauf hingegen Jogi Löw, der im Blick zurück meinte: „2010 war nahe an der Perfektion.  Kompakte Defensive, schnelle Konter.“

Nicht nur Argentinien, auch Brasilien traf der Viertelfinalschock: 1:2 gegen Holland. Die Holländer schalteten im Semifinale von Kapstadt mit Uruguay auch das letzte Südamerika-Team aus. Das 3:2 bedeutete das 25. Spiel in Serie ohne Niederlage, das erste WM-Finale seit Ernst Happels Zeiten 32 Jahre zuvor.  Da störte Teamchef Bart van Marwijk die Kritik von Johan Cruyff am zu defensiven Konzept wenig.  So kam es zum ersten europäischen Finale ausserhalb von Europa. Gegen Europameister Spanien, der Deutschland die Grenzen aufzeigte, 1:0 gewann. In Südafrika interessierte am meisten, ob Mandela zum Endspiel kam. Er kam, brachte den WM-Pokal. Dann kam es zur finalen Härteschlacht mit elf gelben und einer gelb-roten Karte.  Andres Iniesta brachte Spanien nach 116 Minuten zum Jubeln. Der erste WM-Titel, Erst um ein Uhr früh kamen die Spanier aus der Kabine, hatten dort mit Kronprinz Felipe, Startenor Placido Domingo und Tennisstar Rafael Nadal gefeiert. Immer wieder Campeones-Gesänge.

Für Holland die dritte Niederlage im dritten Endspiel. Für den steirischen Sicherheitschef Kapl eine persönliche: „Ein Finalflitzer ist unmöglich“, hatte er vor dem Endspiel behauptet. Stimmte nicht, Der berühmte Jimmy Jump schaffte es, wich allen Gittern aus, überlistete das Security-Personal, hüpfte über Werbetafeln, sprintete bis knapp vor dem an die Mittellinie stehenden WM-Pokal. Bevor er den angreifen kannte, lief ein Polizist, der neben Kapl im Kabinengang stand, ihm entgegen, schlug Jimmy Jump nieder.  Den trugen sechs Mann weg. Kapl schrieb frustriert bis fünf Uhr früh Berichte, arbeitete mit Polizisten wegen der Anklage wegen Gefährdung des WM-Pokals. Als ich ihn im Flugzeug nach Frankfurt traf, wirkte Kapl noch immer schwer enttäuscht über die persönliche Niederlage.

 

Foto: © FIFA (Getty Images).

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