Fußball

Meine elf Weltmeisterschaften: Andi Herzog mit Norweger-Helm, Wien, Wien nur du allein in New York

„Na, dann qualifizier ma´uns halt“. Die Worte von Ernst Happel bei seiner überraschenden Präsentation als Teamchef im Dezember 1991 gaben der österreichische Fußballnation neue  WM-Hoffnung, obwohl der Erfolgstrainer schon von seiner schweren Krankheit gezeichnet war. Zum Auftakt der Qualifikation am 14. Oktober 1992 in Paris gegen Frankreich mit seinen Star Jean Pierre Papin und Eric Cantona musste Happel miterleben, dass erstmals eine von ihm betreute Mannschaft in 90 Minuten keinen Schuss auf das gegnerische Tor abgab, Zwei Wochen nach dem 0:2 folgte ein 5:2 gegen Israel  im Wiener Prater. Das letzte Match in seiner Trainerkarriere.  Zweieinhalb Wochen später verstarb Happel in Innsbruck, hinterließ als Vermächtnis einen Brief mit der Prognose: „Werd´s sehen, da wird was draus“. U 21-Teamchef Herbert Prohaska übernahm das Team, das aber von zehn Spielen nur drei gewann, klar hinter Schweden, Bulgarien und Frankreich blieb.  So flog Teamkapitän Andi Herzog nur als Tourist zur ersten Endrunde, die in den Vereinigten Staaten von Amerika ausgetragen wurde. Auch um eine Wettschuld einzulösen. Herzog hatte bei Bremen mit seinem Mitspieler Rune Bratseth gewettet, dass Österreich zur WM fährt. Bratseth setzte auf Norwegen und gewann. Der Verlierer musste in die USA fliegen, den Sieger unterstützen. Daher trug Herzog im Giants-Stadion von New York bei Italien-Norwegen erstmals den „Norweger-Helm“.

Bei der  Ankunft am New Yorker John F.Kennedy-Flughafen hätte ich nicht geglaubt im WM-Land gelandet zu sein. Der WM-Informationsschalter kaum zu finden und nicht besetzt, hilfsbereite WM-Angestellte im Pressezentrum, in dem zwei Nonnen als Dolmtscherinnen arbeiteten,  zeichneten sich durch Ahnungs-und Hilflosigkeit aus. Dafür forderte der New Yorker Pressechef für Parkscheiben für die sieben New Yorker Spiele nach heutigem Kurs  250 Euro. Allerdings unter der Hand. Am Tag der WM-Eröffnung in Chicago stand New York ganz im Schatten der Siegesparade am Broadway für den Stanley-Cup-Sieger New York Rangers mit Kapitän Mark Messier und Wundergoalie Mike Richter. Und die Frage, ob am Wochenende die New York Knicks um Chefoach Pat Railey und Superstar Pat Ewing den Basketballtitel schaffen, interessiert mehr als alles von der  WM. Beim Training der Norweger am Gelände der berühmten Universtät Princeton sang Ex-Rapidler Jan Age Fjörtoft zu meiner Bergrüssung „Wien, Wien,nur du allein, sollst die Stadt meiner Träume sein.“

Beim 1:0 von Titelverteidiger Deutschland über Bolivien hatte es im Soldier Field Stadium von Chicago gut 50 Grad. Pervers, dass sie auf der Tribüne „hot dogs“ verkauften. Genau in der Sonne saß ÖFB-Generalsekretär Alfred Ludwig, sah nachher aus wie nach einem zehnstündigen „Sonnengrill“ am Wörthersee . Als Franz Beckenbauer mit dem WM-Pokal einmarschierte, meinte US-Präsidenten Bill Clinton zum deutschen Kanzler Helmut Kohl: „Ich habe geglaubt, bei euch ist die Monarchie schon vorbei. Wieso habt ihr dann einen Kaiser Franz?“ Ludwigs Urteil über Organisation und Stadion fiel nicht gut aus: „Bei jedem Europacufinale gibt´s mehr Sicherheitsmaßnahmen, Ohne gedeckte Sitzplätze wie hier hätten Wien keine Chance auf ein Champions League-Endspiel.“ Boliviens Teamcehf Xabier Azkargorta dachte nachher an seinen Wiener Schützling zu den Zeiten als Sevilla-Trainer: „Wir kamen in Situationen, die Toni Polster sicher zu  Toren genützt hätte.“ Für solche Sprüche war ein Jounalist aus dem Lande eines Nicht-Teilnehmers sehr dankbar.

Prohaska und Herzog beobachteten im Giants-Stadium Irlands 1:0 über Italien und fragten sich, wie Österreich in der Qualifikation zur EM 1996 diese Iren schlagen sollte. Abenteuerlich ihre Rückfahrt aus dem Stadion in New Jersey nach Manhattan: Das in Europa normale Überangebot an Taxis nach großen Spielen war in den Staaten unbekannt. Da fährt jeder Fan selbst mit dem Auto zum Spiel, bezahlt für einen Parkplatz fünf Dollar oder auch mehr. Herzog kam als „blinder Passagier“ in einem Medienbus mit mir fort, Prohaska stellte sich auf einen längeren Fußmarsch ein, hatte Glück, dass ihn ein Salzburger, der Geschäftsführer eines französischen Restaurants in New York, erkannte und ihn auf der Ladefläche seinen Pritschenwagens durch den Lincoln.Tunnel zurück nach Manhattan brachte. Der Teamchef auf der Ladefläche, das wäre ein Schnappschuß für Fotografen gewesen.

Irgendwie gelang es oft, einen Österreich-Bezug herzustellen.  Auch bei Norwegens 1:0 über-Mexiko in Washington: Durch Fjörtoft, Bratseth, auch durch den legendären Hugo Sanchez bei Mexiko. Zu seinen Zeiten bei Real Madrid siegreicher Konkurrent von Polster im Kampf um den Titel des Schützenkönig in Spaniens Primera Division, später sein Nachfolger bei Rayo Vallecano. Dass Sanchez ein Jahr später in Österreich beim FC Linz landen sollte, war unvorstellbar. Im Stanford-Stadion von San Francicso werkte ÖFB-Pressechef Heinz Palme für die FIFA als „Press Officer“. Allein gegen die Meute der brasilianischen Reporter. Ein Portugiese, der die Brasilos betreuten sollte, kratzte vor WM-Anpfiff die Kurve. So hatte es Palme mit 150 brasilianischen Journalisten, 19 TV-Stationen und mehr als zehn Radiosendern zu tun. Dazu einige private, die sich ohne Akkreditierung als schreibende Journalisten tarnten, von der Tribüne per Telefon übertrugen. Palme musste sie von der Tribüne verbannen. Und war nach Brasiliens 2.0 gegen Russland erstaunt, als ihn der brasilianische Bayern-Legionär Jorginho fragte, warum sein früherer Mitspieler Harald Cerny nach Innsbruck wechselte.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erlebte ich mein erstes WM-Spiel in der Halle und dabei  den ersten Schweizer WM-Sieg seit 40 Jahren: 4:1 im Silverdom von Pontiac gegen Kolumbien. Was den Schweizer Teamchef, Roy Hodgson, Jahr später ein Kandidat in Österreich, derzeit in der Premier League bei Crystal Palace, zur Feststellung veranlasste: „Fußball in einem riesigen Hot Dog-Stand ist nicht normal.“Zwei Tage später brachte ich Fjörtoft nach Norwegens 0:1 gegen Italien, zum Lachen, als ich ihm ein Briefchen von Andi Herzog zusteckte. Darin stand: „Hallo Steinheber! Ich wünsch Dir und Rune noch viel Glück. Vielleicht trifft Du Blinder einmal ins Tor, damit ich nicht vergeblich die Daumen gedrückt habe.“

Prohaska setzte in Florida zum Höhenflug an. Im Marriott Tower von Orlando. Der Teamchef war so fasziniert, mit dem Aufzug im Expresstempo in den 28. Stock hinaufzufahren, den Blick auf das Lichtermeer von Orlando zu genießen, dass er es nicht bei einer Fahrt beließ. Bei Irlands 1:2 gegen Mexiko entdeckte er Hoffnung für die bvorstehende EM-Qualifikation. Noch mehr bei Irlands 0:0 gegen Norwegen in New York, wonach er im irischen Pub P.J. Clark´s in Manhattans Third Avenue inmitten jubelnder irischer Fans bei Chili con carne Abschied von der WM nahm.

Im Hotel sah ich am Sportsender ESPN ein Interview mit Österreichs Wembley-Toni Fritsch, bei Deutschlands Zittersieg über Südkorea.- Da prophezeite er: „Am Tag nach dem WM-Finale ist hier alles vergessen“. Da lag er mit „Kaiser Franz“ Beckenbauer auf einer Linie, der 1977 in New York bei Cosmos gespiet hatte udn meinte: „Es war richtig, die WM den Amerikanern zu geben. Aber Fußball ist hier gegen Football immer chancenlos.“ Hat sich nicht geändert. Am Rande verriet Bayerns damaliger Vizepräsident Karl Heinz Rummenigge, dass Herzog ein Jahr später bei Bayern München landen wird. Das sollte sich als richtig erweisen.

Als ich in Boston Argentiniens 2:1 gegen Nigeria sah, wusste ich nicht, dass dies Diego Maradonas letztes WM-Spiel war.Zwei Tage später explodierte der Dopingskandal um ihn: Die Mediziner wiesen die Einnahme von fünf verbotenen Substanzen nach, die in diesen Mengen eindeutig leistungsfördernd waren. Maradona tobte,,blieb bei der WM. als TV-Reporter, der dafür umgerechnet 900.000 Euro kassierte.Das Achtelfinale brachte Erinnerungen an Florenz: Der syrische Referee Jamadh Al-Sharif, schon 1990 bei Österreichs 2:1 gegen die USA völlig überfordert, sorgte im Achtelfinale zwischen Bulgarien und Mexiko für das längste Match, ließ elf Minuten nachspielen. Das WM-Viertelfinale erwies sich wie letztmals 1958 als Europameisterschaft mit „Gast“ Brasilien, Mit dabei: Schweden und Bulgarien, die Österreich-Bezwinger aus der Qualifikation. Bulgarien traf auf Titelverteidiger Deutschland. Torjäger Hristo Stoitschkov schaltete seinen Manager Jose Minguella ein, um vom befreundeten Toni Polster Informationen über die Schwächen des deutschen Keepers Bodo Illgner zu erfahren. Mit dem spielte Polster, der Stoitschov und Minguella aus seiner Spanien-Zeit kannte,  beim 1.FC  Köln, Aber Polster verriet nichts: „Wenn für Deutschland etwas schief geht, lynchen sie mich in Köln. Das riskiere ich bei aller Freundschaft zu Hristo nicht.“ Es ging ohne Polster-Informationen für Bekenbauers Nachfolger Berti Vogts schief. Deutschland verlor 1:2, Stoitschkov erzielte das 1:1, Illgner erklärte danach seinen Rücktritt. Im Abwehrzentrum Bulgariens: Trifon Ivanov, ein Jahr später Abwehrchef bei Rapid. Auch Schweden kam mit Ex-Admira-Verteidiger Roger Ljung unter die letzten vier. Im Elferschießen.

Aber ins Finale kamen sie nicht. Bulgarien sah ich gegen Italien 1:2 verlieren, Stoitschov tobte über den französische Referee Joel Quiniou: „Bulgarien ist zu klein, durfte nicht ins Finale kommen. Die Schiedsrichterbesetzung war einer der größten Skandale der WM-Geschichte.“ Bulgarien hatte Frankreich in der Qualifikation eliminiert. Schweden unterlag Brasilien 0:1, fertigte im Match um Platz drei die nicht sonderlich interessierten Bulgaren 4:0 ab. Zur Ermittlung von Weltmeister Brasilien war im Finale in der Rose Bowl von Pasadena erstmals ein Elferschießen nötig, 0:0 nach 120 Minuten, 3:2 im Penaltythriller für Brasilien, da Italiens Stars Franco Baresi und Roberto Baggio im entscheidenden  Moment die Nerven wegschmissen. Aber Brasilien war mit seinen Topstars Romario (Bild unten), Bebeto und Branco die gewiß beste Mannschaft der WM.

 

Foto: © FIFA (Getty Images).

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