Mit Harry Kane könnte Außenseiter Österreich Donnerstagabend in Los Angeles Favorit und Europameister Spanien eliminieren und ins Achtelfinale aufsteigen. Diese Theorie hat nach Kanes Doppelpack, mit dem der Kapitän England Mittwoch in Atlanta vor einer Blamage gegen Kongo rettete, durchaus aufstellen. Aber leider ist der Wahrheitsbeweis nicht zu erbringen. England lag ab der 7. Minute 0:1 zurück, scheiterte immer wieder an Kongos Tormann Lionel Mpasi, der in Frankreich bei Le Havre spielt. In der 75. Minute glich Kane per Kopf aus, in der 86. Minute traf er wuchtig unter die Latte. Mpasi hielt in der Partie schwerere Bälle als bei Kanes Ausgleich. Das waren bei dieser WM seine Treffer vier und fünf. Insgesamt hat er jetzt 13 auf seinem Konto. In 118 Länderspielen jubelte er über 84 Tore von ihm. Im Achtelfinale trifft England in der Nacht auf Montag im Aztekenstadion auf Mexiko.
Aber Österreich hat leider keinen wie Kane, dem England jetzt mehr als je zuvor zu Füßen liegt. Ralf Rangnick muss andere Lösungen finden, die Österreichs zweiten Sieg im zweiten WM-Duell mit Spanien möglich machen. Den ersten gab es 1978 in Buenos Aires, als Tore von Walter Schachner, der damals beim Zweitligisten DSV Alpine spielte, und Hans Krankl für das 2:1 sorgten. Beide Stürmer trafen. Vielleicht sollte Rangnick so wie damals Helmut Senekowitsch auch mit zwei Stürmern beginnen, erstmals bei der WM mit Sasa Kalajdzic und Michael Gregoritsch. Mit Gregoritsch an vorderster Front und Kalajdzic etwas hinter ihm in der Rolle des verletzt ausgefallenen Christoph Baumgartner. Denn wenn man ehrlich ist, klappten die bisherigen Varianten auf der Baumgartner-Position nicht wirklich: Weder mit Konrad Laimer gegen Jordanien, noch mit Paul Wanner gegen Argentinien und Romano Schmid gegen Algerien. Auch das „Ausgleichswunder“ gegen Algerien, das Kalajdzic nach Gregoritsch-Voarbeit erzielte, spricht für diese Variante.
Senekowitsch war 18 Jahre vor dem Triumph im WM-Duell als Mittelfeldspieler Torschütze bei Österreichs höchstem Sieg gegen die Spanier in den bisherigen 16 Aufeinandertreffen. Der gelang 1960 vor 90.000 Zuschauern im Praterstadion. Senekowitsch traf zum 1:0, in der zweiten Hälfte sorgten Horst Nemec und Erich Hof für den 3:0-Endstand. Bei Spanien spielten die Real Madrid-Stars Alfredo di Stefano, Francisco Gento und Santamaria, auch der berühmte Luis Suarez vom FC Barcelona. Das 3:0 war der Auftakt zur denkwürdigen Siegesserie der damaligen Mannschaft unter Karl Decker, die aber nicht zur WM 1962 nach Chile flog. Weil der ÖFB aus finanziellen Gründen auf die Teilnahme verzichtete. In Erinnerung blieb auch der 3:2 (0:2)-Auswärtssieg unter Josef Hickersberger am 27. März 1990 in Malaga. Knapp vor der WM in Italien schien Österreich einem Debakel entgegenzusteuern, in der zweiten Hälfte stellten Tore von Alfred Hörtnagl, Toni Polster und des zur Pause für Andi Ogris eingewechselten Gerhard Rodax alles auf den Kopf. Das Rodax-Tor fiel nach einem sensationellen Solo des Admiraners in der vorletzten Minute, sicherte ihm einen Wechsel zu Atletico Madrid samt Millionenvertrag. Dann spielte er mit Weltstars wie dem Deutschen Bernd Schuster und dem Portugiesen Paolo Futre zusammen. Vor vier Jahren beging Rodax nach einer schlechten medizinischen Prognose Selbstmord.
In Qualifikationen für die EM und WM hatte Österreich keine Chance. 1987 in Wien 2:3 (Barcelona-Star Carrasco erzielte in letzter Minute das Siegestor) und 0:2 in Sevilla, 1999 die 0:9 (0:5)-Schmach in Valencia mit vier Toren von Real Madrid-Star Raul. ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel war damals im Einsatz. Legendär der Spruch von Toni Pffere beim ORF-Pauseninterview mit Andreas Felber: „Hoch gwinn ma´s nimmer!“ Teamchef Herbert Prohaska trat zurück, obwohl ihn ÖFB-Präsident Beppo Mauhart halten wollte. Sein Nachfolger wurde der bei Sturm Graz, Rapid und Austria Salzburg erfolgreiche Otto Baric. In seinem vierten Spiel gab es in Wien ein 1:3 gegen Spanien, bei den Siegern spielte Luis Enrique, jetzt Erfolgstrainer bei Paris St. Germain. Unter Baric gab es in der Qualifikation für die WM 2002 in Wien zwar ein 1:1, bei dem der Tiroler Michael Baur gegen Real Madrids Starkeeper Iker Casillas die Führung erzielte, in Valencia verlor Österreich „nur“ 0:4. Das letzte Duell gegen Spanien liegt fast 17 Jahre zurück. Am 18. November 2009 führte Österreich in Wien gegen den auch damals regierenden Europameister durch ein Tor von Jakob Jantscher 1:0, verlor aber 1:5 (1:3). Im Finish wurde der 17 jährige David Alaba, ein Talent aus der zweiten Mannschaft von Bayern München, eingewechselt.
Es war sein zweites Länderspiel. Donnerstag in Los Angeles bestreitet der Kapitän sein 117. Ob Jantscher auch danach Österreichs letzter Torschütze gegen Spanien sein wird oder es einem gelingt, erstmals bei dieser WM gegen Spaniens stabile Viererabwehr vor Bilbao-Tormann Unai Simon mit Rechtsverteidiger Marco Llorente (Atletico Madrid), Pau Cubarsi (Barcelona) und Aymeric Laporte (Bilbao) im Zentrum, Linksverteidiger Marc Cucurella (bisher Chelsea, künftig Real Madrid) einen Treffer zu erzielen? Schon das wäre bemerkenswert. Ralf Rangnick muss auf Linksverteidiger Philipp Mwene verzichten. Eine Oberschenkelverletzung verhindert seinen Einsatz. Das stand schon vor dem letzten Training in Santa Barbara fest. Daher sieht es nach Konrad Laimer als Bewacher von Spaniens Jungstar Lamine Yamal aus. Zu billig wäre es zu fordern: Wenn Kap Verde in 90 Minuten gegen Spanien nicht verlor, dann muss das auch Österreich gelingen.
Foto: FIFA.