Fußball

Selbst Mbappe ist für Frankreichs Teamchef noch ein Lehrling

Auftakt zum Viertelfinale der  Fußball-WM in Nischni Nowgorod mit dem Schlager Frankreich und Portugal-Bezwinger Uruguay. Zum großen Duell der Paris St. Germain-Stars zwischen Kyilian Mbappe und Edson Cavani wird es vermutlich nicht kommen.  Cavani, der zweifache Torschütze gegen den Europameister, scheint wegen einer Wadenverletzung nicht fit genug für Uruguays Startelf. Wäre ein schwerer Verlust. Dass sich am Trend dieser wenig mitreissenden WM in den letzten  acht Spielen noch etwas ändern wird, kann man sich schwer vorstellen. Die Art Fußball, den Trainer-Guru Pep Guardiola in seiner Barcelona-Zeit zum Maßstab und Vorbild für unzählige Kollegen und Klubs entwickelt, schient out zu sein.

Ballbesitz zählt zumindest bei dieser Weltmeisterschaft gar nicht mehr. Der Trend heißt: Weniger am Ball sein, die kurze Zeit effizient nützen. Uruguay hatte beim Sieg über Portugal nur 39 Prozent Ballbesitz, Frankreich beim Triumph gegen Argentinien nur 41, Russland reichten zur Überraschung gegen Spanien 25.  Konter in Hochgeschwindigkeit sind gefragt. Allerdings bezweifeln viele, ob sich der Trend dann auch in den europäischen Topligen durchsetzen wird. Ein Taktikfuchs namens Peter Hyballa erfand einen neuen Ausdruck: Der deutsche Ex-Trainer von Sturm Graz schrieb in seiner Kolumne bei „FussballBild“ von Restverteidigung. Damit meint er die Spieler, die bei Ballbesitz zur Absicherung gegen Konter  hinter dem Ball bleiben.  Das variiert laut Taktikfuchs zwischen fünf und sechs Mann. Also die Hälfte der Feldspieler oder sogar mehr.

Also wird wohl auch zwischen Frankreich und Uruguay wenig riskiert, aber vorerst viel taktiert werden. Frankreich wird bei den Weltmeisterquoten von tipp 3 (siehe unten) hinter Favorit Brasilien gleichauf mit England und Kroatien als Nummer zwei geführt. Teamchef Didier Deschamps sieht das nicht so. Er hält seine Equipe Tricolore beim aller Qualität für zu jung, um 20 Jahre nach dem Triumph im eigenen Land  Weltmeister zu werden. Er war Kapitän dieser Mannschaft, läßt aber keine Vergleiche zu. Weil beim Titelgewinn damals alle nahezu schon 30 Jahre alt waren. Angefangen vom glatzköpfigen Tormann Barthez bis zu Zidane: „Alle hatten schon zwei Jahre zuvor die Europameisterchaft in England erlebt und damit Turniererfahrung. Alle waren Führungsspieler.“ Dass er bei Ausnahmekönnen im Kader wie Mbappe, Antoine Griezmannn, N´Golo Kante oder Paul Pogba etwas tief stapelt, streitet der 49jährige ab: „Meine Spieler bleiben noch Lehrlinge.“ Punktum.

Lehrlinge, die für Deschamps in einer Luftblase leben, die mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hat: „Aber die Spieler, die ich ausgesucht habe, die hören mir auch zu. Jeder hat kapiert, das wir nur über die Mannschaft Erfolg haben können.“ Auch gegen Uruguay. Der kleine Staat hat nur 3,5 Millionen Einwohner, 900.000 weniger als Österreich. Die 15 Klubs der obersten Spielklasse können sich nur 1,14 Millionen aus TV-Geldern aufteilen. In Österreichs neuer Zwölferliga werden es fast 30 sein. Aber der Wille versetzt Berge, macht die Südamerikaner bei Weltmeisterschaften: Nicht zum ersten Mal. Vor acht Jahren in Südafrika schaffte Uruguay Platz vier. Das Viertelfinale in Russland bedeutet eine Steigerung gegenüber 2014. Damals war im Achtelfinale gegen Kolumbien Endstation, Frankreich scheiterte damals erst im Viertelfinale am späteren Weltmeister Deutschland. Deschamps, der den gesperrten Blaise Matuidi vorgeben muss,  kann Freitag als Teamchef  sich selbst übertreffen. Das trifft von seinen Spielern auf Tormann Hugo Lloris, Raphael Varane, Pogba, Griezmann und Oliver Giroud zu.

Auch Belgien war vor vier Jahren im Viertelfinale ausgeschieden. Mit 0:1 gegen Argentinien. Freitag Abend wartet in Kasan wieder eine südamerikanische Hürde, mit Brasilien vermutlich sogar noch die schwerere. Zehn Verlierer von 2014, von Tormann Thibault Courtois über Kapitän Vincent Kompany, Kevin De Bruyne, Eden Hazard bis zu Torjäger Romelu Lukaku sind auch bei Teamchef Roberto Martinez, dem Nachfolger von Marc Wilmots erste Wahl. Belgien erzielte bisher fünf Tore mehr als die Brasilianer, kassierte aber anderseits mit vier  drei mehr. Das bedeutet: Für die Brasilianer spricht eigentlich in erster Linie ihre kompakte Defensive, die seit 310 Minuten kein Tor zuließ, in der aber der gesperrte Casemiro fehlt.  Verkehrte Fußballwelt, passt aber zum WM-Trend. Die Belgier trauen sich einiges zu. Bayerns Ex-Star-Goalie Jean Marie Pfaff, 1986 in Mexiko mit den Belgiern im WM-Semifinale: „Unsere aktuelle Mannschaft ist brillanter als die damalige,die als Goldene Generation galt. Wir sind so gut besetzt, dass wir zwei starke Teams haben. Das ist vielleicht ein Pluspunkt.  Träumen darf man ja.“

Aber auch Pfaff weiß: Die Belgier müssen besser verteidigen als beim 3:2 gegen Japan, als sie als erstes Team seit 52 Jahren bei einer WM-Endrunde einen Zwei-Tore-Rückstand in der K.o.-Runde gedreht und noch in der regulären Spielzeit gewonnen hatten. Das war Portugal 1966 in England beim 5:3 gegen Nordkorea. Die Belgier sind von ihren Chance überzeugt. Pfaff: „Zu meiner Zeit hatten die Brasilianer Zico, Falcao und  und und. Heue nur Neymar. Ich weiß nicht, ob der reicht.“ Wenn´s Belgien schafft, dann ist Kasan das „Massengrab“ der WM-Favoriten: Dort verabschiedeten sich letzte Woche Weltmeister Deutschland und Vizeweltmeister Argentinien.

 

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