Für Österreichs Jahrhundertfußballer Herbert Prohaska war Freitag so wie Weihnachten. Nicht nur, weil Nicolas Seiwald viereinhalb Jahre nach seinem Teamdebüt sein erstes Länderspieltor erzielte, sondern weil mit vielen Wechseln die Leistung immer besser wurde. Normal zerflattert eher ein Spiel, je mehr Wechsel es gibt. Beim 5:1 (1:0) gegen Ghana gab es bereits nach den ersten fünf zur Pause eine merkbare Steigerung. Dem vierten Tor des Teams von Ralf Rangnick verlieh Prohaska sogar das Prädikat Weltklasse. Zunächst ein Doppelpass der Debütanten Carney Chukwuemeka und Paul Wanner, dann einer mit Kapitän Marcel Sabitzer, ehe Chukwuemka mit links traf. Danach küsste der 22 jährige den Rasen. In seinem Glück, beim ersten Länderspiel für Österreich in seiner Geburtsstadt Wien ein Tor zu erzielen, lieferte er den ORF-Kameras beim Interview lächelnd den Beweis, dass er nach nur fünf Tagen bei Österreichs Team einen typische wienerischen Spruch intus hat: „Gemma, Oida bist deppert“. Wanner hatte bei drei Toren seine Beine im Spiel.
Zwei Jahre ist es her, dass Österreich im Happel-Stadion einen ähnlichen Kantersieg feierte. Das war am 26. März 2024 das 6:1 gegen die Türkei mit drei Toren von Michael Gregoritsch. Dreieinhalb Monate später, am 2. Juli, gab es im EM-Achtelfinale von Leipzig, gegen die Türkei die unerwartete, umso bittere 1:2-Niederlage und das EM-Aus. Das sollte man beim Jubel über das 5:1 im Hinterkopf haben. Auch der deutsche TV-Sender RTL sah Österreich bereits in WM-Form. Jetzt gab Rangnick die Devise aus, bei der Weltmeisterschaft mehr zu erreichen als vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft. Da heißt also das Viertelfinale. Um das zu schaffen, muss das Team über 90 Minuten so spielen wie in der zweiten Hälfte gegen Ghana. Als die „black stars“ nicht wie vor der Pause nur verteidigten, sondern auch mitspielen wollten, sich dadurch mehr Räume öffneten. Mit Algerien gewann ein WM-Gegner Österreichs am Freitag noch höher – 7:0 in Genua gegen Guatemala. Startgegner Jordanien verspielte in Antalya gegen Costa Rica eine 2:0-Führung, musste sich mit einem 2:2 zufrieden geben. Weltmeister Argentinien, der erklärte Favorit in Österreichs WM-Gruppe, schlug in Buenos Aires den 115. der Weltrangliste, Mauretanien, nur 2:1 (1:0). Lionel Messi spielte in der zweiten Hälfte. Teamchef Lionel Scaloni gestand, dass er noch nicht wisse, ob Lionel Messi für seine sechste WM-Teilnahme zur Verfügung stehen wird:“ Es ist nur seine Entscheidung, ich setze ihn nicht unter Druck!“
Nach dem Kantersieg zum Start ins WM-Jahr war Samstag die Stimmung beim öffentlichen Training im ÖFB-Campus Aspern vor 1000 Fans natürlich bestens. Alle Teamspieler standen geduldig für Selfies zur Verfügung, schrieben Autogramme. Südkorea, der Gegner am Dienstag, verlor in Milton Keynes , 80 Kilometer von London entfernt, das Duell der WM-Teilnehmer gegen die Elfenbeinküste ohne Austria-Verteidiger Taeseok Lee klar 0:4 (0:2). Konrad Laimer und Xaver Schlager, die gegen Ghana zur Vorsicht pausierten, werden gegen die Asiaten zum Einsatz kommen, wenn kein Risiko dabei ist. Darauf legte sich Rangnick fest. Freitag hatte er im Spaß noch gemeint, dass alle, die gegen Ghana nicht spielen, sich sehr anstrengen werden müssen, um in den WM-Kader zu kommen.
Foto: Yigit Oerme.