Fußball

Nach 371 Tagen für 22 Stunden Tabellenführer – aber es hätte für Rapid auch in die Hose gehen können!

Der Kelch, vielleicht ohne Sieg  nächste Runde das Wiener Derby bestreiten zu müssen, ging an Rapid vorbei. Das Problem hat  nächsten Sonntag  hingegen der Erzrivale Austria in Hütteldorf, der beim 2:3 (0:1)-Heimpleite gegen Sturm nur die ersten Tore erzielte, als das Match eigentlich schon verloren war,  aber nicht die ersten Punkte holte, in zwei Runden sechs Tore kassierte. Rapid kam hingegen einen Tag vor der nächsten violetten Enttäuschung zum ersten  Erfolgserlebnis in der Bundesliga 2017/18, zum  4:1 (2:0) bei St. Pölten. Wo Rapid diesmal nicht für ein ausverkauftes Haus sorgen konnte. Nur 6100 Zuschauer, 2000 Plätze blieben frei. Wegen der Urlaubszeit oder hat Grün-Weiß durch die vergangene Seuchensaison etwa an Attraktivität verloren? Das war nach dem zweiten Sieg in vier Auswärtsspielen unter Goran Djuricin aber kein Thema. Damit hat er übrigens schon einen mehr als Vorgänger Damir Canadi bei acht Partien in der Fremde und genau so viele wie Mike Büskens, der erste Trainer in der letzten Saison, in sieben.

Damit eroberte Rapid nach dem 1:1 zwischen Meister Red Bull Salzburg und Aufsteiger LASK, der alle seine vier Tore in der ersten zwei Runden nach Standardsituationen erzielte, erstmals seit 37 Runden oder 371 Tagen  wieder die Tabellenführung. Letztmals lachte Rapid nach dem ersten Pflichtspiel im neuen Allianz-Stadion, dem 5:0 gegen Ried in der Startrunde am 23. Juli 2016, von Platz eins. Diesmal eine Momentaufnahme zumindest für 22 Stunden bis zum Schlusspfiff bei Sturms Auswärtssieg. Auch die kurze Momentaufnahme tat der geplagten grün-weißen Fußballseele sicher gut. Immerhin: Rapid geht als Zweiter in das Derby, Austria mit der roten Laterne des Schlusslichts.

Der Sieg in St. Pölten fiel auch aus einem anderen Grund in die Kategorie historisch: Erstmals seit 17. September 1995 beim 1:1 gegen den LASK im Hanappi-Stadion begann Rapid ohne Legionär, mit elf Österreichern.  Damals hielt das nur bis zur 38. Minute, bis Trainer Ernst Dokupil Carsten Jancker eintauschte. Da 30 später auch der Pole Maciej Sliwowski kam, beendete Rapid das Match mit zwei Ausländern. In St. Pölten nur mit einem: Der neue Belgier Boli Bolingoli durfte erst in der 75. Minute auf den Rasen. Der grün-weiße Fußballgott Steffen Hofmann bekam nicht einmal den Befehl zum Aufwärmen. Auch nicht, als es angebracht gewesen wäre, weil Rapid bedenklich wackelte, St. Pölten dem Ausgleich näher schien als Rapid dem dritten Treffer. Aber die „Entwicklung“ gab Djuricin recht.

Der schon zu Beginn überraschte. Nicht, weil Tamas Szanto, der um eine Leistenoperation nicht herumkommen wird, erneut fehlte. Sondern weil er Eren Keles, dessen Bundesligadebüt beim 2:2 gegen Mattersburg der Trainer als herausragend bezeichnet hatte, auf der Bank ließ, ihm den Tiroler Andreas Kuen vorzog. Der prompt zu seinem ersten Pflichtspieltor für Rapid kam, als St. Pöltens Salzburger Daniel Schütz eine Flanke von ihm zum zweiten Rapid-Tor kurz vor der Pause abfälschte. Für Kuen ein wunderschöner Moment nach jahrelangen Leidenszeiten. Das war die Phase, als Djuricin die Rapid-Tugenden auf dem Rasen sah. Aggressivität, Zweikampfstärke, Druck nach vorne, meist über den spritzigsten Rapidler, Rechtsverteidiger Mario Pavelic.

Aber Rapid schien nach der Pause darauf und dran, wie eine Woche davor gegen Mattersburg eine 2:0-Fühung aus der Hand zu  geben. Diesmal nicht dezimiert, sondern sogar in kompletter Besetzung. Den Durchhänger über 20 Minuten rund um das Anschlusstor von Schütz bekrittelte auch Djuricin: „Das hätte auch in die Hose gehen können.“ Ging es aber nicht, sondern brachte am Ende den Sprung auf Platz eins. Weil Djuricins Joker stachen. Ein Keles-Pass führte zu einem St. Pöltener Eigentor, Bolingoli bereitete das erste Bundesligator des 23jährigen Keles zum Endstand in der Nachspielzeit vor. Der spielte ab der 68. Minute an vorderster Front statt Philipp Prosenik. Er vergab bei 0:0 nach der St. Pöltener Möglichkeit zur Führung die ersten zwei Rapid-Chancen. Es wäre in seiner Situation für ihn gut gewesen, sie zu nützen. Zuerst traf er knapp daneben, dann wurde sein Schussversuch abgeblockt, endete mit einem Eckball. „Er kam zu Chancen, das ist das wichtigste, ging gute Wege, war sehr wichtig für unser Spiel“, behauptete Djuricin vor den „Sky“-Kameras. Klingt fast nach Lob. Aber Prosenik sollt vorsichtig sein, daraus Rückschlüsse zu ziehen. Siehe Keles. Auf das Djuricin-Lob nach dem Debüt folgte die Bank. Damit muss Prosenik im Derby nach Ablauf der Joelinton-Sperre auch rechnen. Oder es droht ihm vielleicht sogar die Tribüne.

Keiner der vier Rapid-Treffer war so spektakulär wie das Tor eines Ex-Rapidlers Stunden zuvor in Ingolstadt: Dort sicherte Christopher „Trimbo“ Trimmel mit einem sehenswerten Dropkick aus 18 Metern Union Berlin den Startsieg in der zweien Liga beim Duell der Aufstiegsanwärter. Trimmels Supertor, sein zweites im 89. Zweitligaspiel für Union Berlin,  erinnerte an eines im Rapid-Dress vor mehr als drei Jahren. Damals traf er am 2. März 2014 in Salzburg mit einem sehenswerten Kracher zum 3:3 – am Ende verlor Rapid aber 3:6. In Ingolstadt gratulierten dem 30jährigen Burgenländer am Ende alle zum goldenen Tor. Mit dem er auch die Mitspieler überraschte, weil sie so etwas von ihm zuvor nicht gewohnt waren: „Da muss man Mut zum Risiko haben“, meinte Trimmel lächelnd, „jeder Fussball weiss, das bei solchen Schüssen der Ball entweder über die Tribüne oder in den Winkel fliegen kann.“

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