Zuerst Deutschland in Boston gegen Paraguay, dann Holland gegen Marokko in Monterrey: Beide europäischen Teams verabschiedeten sich nach 1:1 und Verlängerung im Elfmeterschießen. Deutschland mit 3:4 gegen einen Außenseiter, gegen den ein Spitzenteam in der normalen Spielzeit alles klar machen muss, Oranje mit 2:3 gegen einen Semifinalisten der letzten WM. Holland führte bis zur 91. Minute entgegen dem Spielverlauf 1:0,, ehe Marokkos Issa Diop, Legionär in der englischen Premier League bei Fulham, den Ausgleich köpfte. Das Scheitern im Penaltythriller bestätigte dann nur noch den schwachen Auftritt: Sowohl Deutschland als auch Holland wirkten langsam, langweilig und lethargisch, Holland hatte es Brighton-Tormann Bart Vebruggen zu verdanken, ins Nachspiel und Elfmeterschießen zu kommen.
Deutschland bezog in seinem ersten k.o.-Spiel seit dem Sieg im WM-Finale 2014 in Rio erstmals eine Niederlage in einem Elfmeterschießen. 1982 wurde im Semifinale von Sevilla Frankreich besiegt, 1986 der Veranstalter Mexiko, 1990 auf dem Weg zum WM-Titel England, 2006 bei der Heim-WM in Berlin Argentinien. Aber wie gesagt, zum Elfmeterschießen hätte es ein gutes Deutschland gar nicht kommen lassen dürfen. Gelang nicht, weil kurz vor der Pause der nur 1,68 Meter große Paraguay-Stürmer Julio Enciso vom Chelsea-Partnerklub Racing Straßburg im Strafraum völlig frei zum Kopfball kam. Den Rückstand holte Deutschkand nach der Pause durch ein Kopftor von Kai Havertz auf, mehr nicht. Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte den Forderungen der „Bild“-Zeitung, Deniz Undav von Beginn an einzusetzen, nachgegeben, mit ihm und Havertz eine Doppelspitze aufgeboten. Das machte Deutschland nicht besser und gefährlicher. Nach 62 Minuten war für Undav das Spiel beendet, aufgefallen war er bis dahin nicht.
Es gab noch eine Szene, die diskutiert wurde: Das annullierte Kopftor von Jonathan Tah zum 2:1 in der 102. Minute. Die Videoschiedsrichterin aus Nicaragua, Tatiana Guzman, machte den marokkanischen Referee Jalal Jayed darauf aufmerksam, dass Paraguays 1,98 Meter großer Tormann Orlando Gill leicht geblockt wurde. Jayed entschied auf Foul, was Deutschlands Bundestrainer Julian Nagelsmann als „Vollskandal“ bezeichnete. In Europas Topligen wäre das eher nicht geahndet worden, in England garantiert nicht. Tah wurde dadurch zur tragischen Figur des Spiels, weil er den entscheidenden Elfmeter vergab. Der Innenverteidiger schoss zum ersten Mal in seiner Karriere einen, gleich über das Tor. Deutschland lag bereits 1:3 zurück, weil Havertz als erster Schütze und Nick Woltemade an Paraguays Gill, der in Argentinien für Atletico San Lorenzo spielt, gescheitert waren. Weil Manuels Neuer den fünften Penalty Paraguays hielt, ging es weiter. Nach insgesamt zwölf jubelte aber Paraguay über seinen größten WM-Erfolg.
In Deutschland begannen die Diskussionen um Nagelsmann (Bild): „Wir waren zu langsam“, gab er zu, „nicht einmal ins Achtelfinale zu kommen, ist zu wenig für den deutschen Fußball.“ Er brachte die Spieler nicht in Bestform auf den Rasen – das zählt zu den Aufgaben eines Trainers. Nagelsmanns Vertrag läuft zwar bis zur EM 2028, der DFB hat aber wegen des WM-Scheiterns eine Ausstiegsmöglichkeit. „Ich bin keiner, der davonläuft. Wenn mich der DFB nicht mehr will, wird er es mir sagen“, schloss Nagelsmann aus, selbst den Schlussstrich zu ziehen. Die medialen Rufe nach totalem Neubeginn mit Jürgen Klopp als Bundestrainer sind schon sehr laut. Fragt sich nur, ob er das will. Oder lieber den risikolosen Job als „Head of Global Soccer“ bei Red Bull behält.
Bei Holland will Teamchef Ronald Koeman über seine Zukunft nachdenken. Das Spiel gegen Marokko war das 16., das Holland nach 90 Minuten nicht verlor. Aber es reichte nicht, weil Holland einen Penalty zuviel vergab. Von allen fünf, die nicht verwertet wurden, hielt nur einen der Tormann, Marokkos Bono. Die anderen vier gingen an Latte, Stange oder neben das Tor. Den entscheidenden für die Afrikaner verwandelte Ismail Sabiri, die Neuerwerbung von Bayern München.
Foto: DFB/dpa.