Am 8. August feiert Herbert Prohaska, Österreichs Jahrhundertfußballer, der letzte Teamchef, mit dem sich Österreich für eine Weltmeisterschaft qualifizierte, seinen 70. Geburtstag. Sie können bis zum Ehrentag täglich eine Geschichte aus dem Leben von Herbert Prohaska, insgesamt 70, lesen.
Joschi Walter war für Prohaska einer der letzten Ehrenmänner im Fußball, der Handschlagqualität hatte. Von dem eine Zusage genügte. Da brauchte man nichts Schriftliches dazu. Prohaska lernte bereits als 17 jähriger Walter kennen und schätzen. Er war zunächst als Kapitän und dann als Trainer Walters Ansprechpartner, der bei unangenehmen Themen gerne Prohaska bat: „Sag du das der Mannschaft!“ Prohaska wird nie ein Vertragsgespräch vergessen, bei dem es um die Einrichtung seiner ersten Eigentumswohnung in Simmering ging: „Ich habe keine Ahnung, wie ich die einrichten soll. Das Geld, das mir jeden Monat übrig bleibt, reicht nicht!“ Walter fragte nur, wie viel er braucht, wenige Tage später lag das Geld für die Einrichtung von Küche, Wohn- und Schlafzimmer parat. Wie alle Menschen hatte Walter, bei dem sich hinter der harten Schalke ein weicher Kern verbarg, kleine Schwächen. Zu denen gehörte es den Trainern, mit seinen Kabinenauftritten das Leben etwas schwerer zu machen.
Mit dieser Erfahrung rang Prohaska beim Amtsantritt als Trainer Walter die Zusage ab, nicht in die Kabine zu kommen. Mit einer Ausnahme stand Walter dazu. Als nach einer schwachen ersten Hälfte Prohaska gerade zur Kabinenpredigt ansetzen wollte, ging die Tür auf und Walter kam rein. Doch Prohaskas Befürchtungen waren umsonst: „Lasst euch nicht stören, ich geh’ nur aufs Klo!“ Das wäre auch oben im VIP-Klub möglich gewesen. Dieser Gedanken beschäftigte Prohaska, vor allem, als Walter lange nicht aus der Kabinentoilette kam. War es ein versteckter Lauschangriff? Erst kurz vor Wiederanpfiff kam er raus, verließ mit den Worten „viel Glück für die zweite Hälfte“ die Kabine. Erst später stellte sich heraus, dass „Experten“ auf der Ehrentribüne ihn aufforderten, wegen der miesen Leistung müsste er etwas unternehmen. Um sein Image zu wahren, ging er wie früher runter in die Kabine und täuschte damit vor, Tacheles zu reden. Deshalb blieb er auch so lange auf der Toilette. Nach der Pause war die Austria wie verwandelt, gewann 2:0. Auf der Ehrentribüne galt Walter als der wahre Sieger des Spiels. Der Schein war gewahrt.
Beim ersten Heimspiel nach seinem Tod lag eine gelbe Rose auf seinem Stammplatz. Die Klubführung bat Prohaska, die vorbereitete Abschiedsrede vorzulesen, einige persönliche Worte hinzuzufügen. Wohl fühlte sich Prohaska nicht dabei, aber ihm war klar, dies seinem Förderer schuldig zu sein. Er bat die 6000 Austria-Fans im Anschluss an seine Worte um einen Abschiedsapplaus. Er fiel wirklich lange aus. Danach schlug Austria die Admira 3:2, übernahm die Tabellenführung. Beim letzten Treffen vor Walters Tod hatten er und Prohaska per Handschlag die Vertragsverlängerung vereinbart, ohne dies bekanntzugeben. Aber mit dem Ableben Walters stand für Prohaska fest, nach der Saison die Austria zu verlassen. Ohne Walters schützende Hand sah er keine Zukunft.