Fußball

Der 2. Juni ist wie ein zweiter Nationalfeiertag, brachte aber Cordoba nicht zur Ruhe

Österreich hat seit Samstag einen zweiten Nationalfeiertag. Den 2. Juni, weil an diesem Tag der erste Sieg über den großen Nachbarn Deutschland, den regierenden Weltmeister seit 32 Jahren gelang. Ein historisches Datum, weil das 2:1 (0:1) in Klagenfurt  zudem der  siebente Sieg hintereinander war. So etwas gelang zuletzt dem legendären Wunderteam  von Hugo Meisl zwischen 1933 und 1934. Ein 84 Jahre alter Rekord wurde eingestellt, damit geknackt.  Das Team verdient dafür Riesenbeifall, umjubelt zu werden. Nur Ersatz für die verpasste WM-Qualifikation kann das keiner sein.

Dabei stand lange Zeit in Frage, ob das Match überhaupt angepfiffen wurde. 45 Minuten vor dem geplanten Anpfiff um 18 Uhr ging die Welt in Klagenfurt unter. Starkes Gewitter, Hagel, der Rasen bald unter Wasser, durch Lücken im Stadiondach fast Wasserfälle auf leidgeplagte Zuschauer. Abbruch des Aufwärmens, ebenso beim zweien Anlauf. Der tschechische Referee Pavel Kralovec einige sich in Absprache mit den Teamchefs Jogi Löw und Franco Foda, der jetzt wie Georg Schmidt und Felix Latzke 1982 seine ersten sechs Spiele in Serie gewonnen hat,  sowie mit ÖFB-Geschäftsführer Bernhard Neuhold nach dem zweiten Abbruch des Aufwärmens auf 19 Uhr als den letzten Termin, zu dem fixiert werden sollte, ob man spielen wird oder nicht. Löw brauchte zwar das Match zur Vorbereitung auf die WM, wollte aber anderseits kein Verletzungsrisiko eingehen. Zum Glück ließ der Regen nach, besserte sich der Zustand des Rasens. Anpfiff mit 103 Minuten Verspätung.

Die routiniertere Mannschaft, der WM-Titelverteidiger, steckte die Wartezeit besser weg, bekam von Österreich die Führung am Silbertablett reserviert: Zwei Fehler von Martin Hinteregger beim Herausspielen, dann Rückpass zu Tormann Jörg Siebenhandl, den Foda gegen einen starken Gegner sehen wollte. Der leistete mit dem linken Fuß Mesut Özil den idealen Assist zur billigen deutschen Führung.  Wäre Deutschlands Kapitän im Tor, Manuel Neuer, beim von seiner aus Kärnten stammenden Ehefrau Nina aus der ersten Reihe des VIP-Clubs beobachteten Comeback nach 259 Tagen, seinem ersten Länderspiel seit Oktober 2016,  nicht so gut gewesen, Österreich hätte schon bis zur Pause den Ausgleich geschafft. Mit Siebenhandl, Florian Grillitsch und David Alaba statt Heinz Lindner, Louis Schaub und Florian Kainz veränderte Foda die Startelf vom 1:0 über Russland drei Tage zuvor an drei Positionen, wollte so für mehr defensive Stabilität sorgen. Im 5-4-1 System mit Marko Arnautovic als Solospitze kam Österreich nach der Pause so richtig auf Touren, zu zwei Toren in 16 Minuten. Zunächst machte Hinteregger nach Alabas Eckball von rechts mit links durch einen Traumvolley ins lange Eck seine Fehler beim deutschen Tor gut, dann vollendete Alessandro Schöpf die ideale Vorarbeit von Stefan Lainer nach Flanke von Kapitän Julian Baumgartlinger zu seinem zweiten Siegestreffer innerhalb von vier Tagen.  Von da an an die Euphoriewelle im Stadion, immer wieder Österreich-Gesänge schon lange vor der Ehrenrunde. Foda zeigte sich tief beeindruckt von der Leidenschaft in der zweiten Hälfte, von der Aggressivität und vielen Balleroberungen. Der frustrierte Löw gestand hingegen: „So haben wir  keine Chance, bei der WM den Titel trotzdem verteidigen.“ Vor allem viel zu viele unnötige Ballverluste. Dadurch brachten wir Österreich ins Spiel. Ich sah noch selten eine so nur selbst verschuldete Niederlage, Aber das kann in der Vorbereitung einmal passieren, ohne deshalb alles über den Haufen werfen zu müssen.“ Aber das Neuer-Comeback sorgte dennoch für einen positiven Aspekt. Und er hat ja noch einige im Talon: In Klagenfurt gingen mit den Innenverteidigern Jerome Boateng und Mats Hummels, Mittelfeldorganisator Toni Kroos und dem unberechenbaren Thomas Müller einige Stützen doch merkbar ab. Das soll Österreichs Leistung aber nicht schmälern.

Bei Österreich gab´s viel mehr positive Aspekte als wie bei Weltmeister. Etwa, dass Aleksandar Dragovic wie in seinen besten Zeiten wieder ein Rückhalt in der Abwehr ist.  Die Spieler wussten, historisches geleistet zu haben. So kam David Alaba, der normal bereit ist alle Fan-Wünsche zu erfüllen, der auf einem Transparent nach seinem Dress geäußerten Bitte nicht nach. Er behielt ihn lieber. Als denkwürdige Erinnerung. Neuer tauschte mit Siebenhandl auf dessen Wunsch den Dress, bahnte sich nach Schlusspfiff den Weg zum Bayern-Klubkollegen Alaba, um ihm zu gratulieren. So wie auch Löw Foda.

Marko Arnautovic, wiederum stark unterwegs, meint ironisch „Wir haben immer Cordoba, Cordoba gehört. Künftig heißt es Klagenfurt, Klagenfurt. Wir haben Cordoba zur Ruhe gebracht.“ Bei allem Respekt, da irrt der wiederum beeindruckende Arnautovic. Cordoba bleibt auch 40 Jahre später die Nummer eins, weil es sich 1978 um eine Finalrunde der Weltmeisterschaft handelte. 2018 war es „nur“ ein Prestigeduell. Aber immerhin ein Grund zum Jubeln, den es gegen Deutschland seit 1992, dem 0:0 in Nürnberg, nicht mehr so gab. Foda, der sich nachher mit seinen Assistenten Thomas Kristl und Imre Szabics nochmals extra  vor der Fantribüne bedankte, ordnete es richtig ein: „Bis Mittwoch dürfen wir als alle freuen, dann  beginnt die intensive Vorbereitung auf Brasilien.“ Im Avita-Hotel von Bad Tatzmannsdorf unter einem Dach mit WM-Teilnehmer Nigeria, der Samstag in England 1:2 verlor. Aber den Weltmeister-Bezwingern ab Mittwoch deutlich vor Augen führen wird, dass es besser gewesen wäre, sieben Siege hintereinander ein Jahr zuvor im Kampf um das WM-Ticket zu feiern.

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