Fußball

Hinteregger weiß alles über Lewandowski

Bundespräsident Alexander van der Bellen kam Montag Abend zum Teamtraining beim Happel-Stadion, wird Donnerstag beim Start in die EM-Qualifikation gegen Polen ebenso live dabei sein wie Vizekanzler und Sportminister Heinz Christian Strache. Irgendwie unterstreicht das, wie wichtig schon das erste Match gegen den Gruppenfavorit ist. Mit seinem Teamchef Jerzy Brzeczek, der bei Wacker Innsbruck als Mittelfeldlenker zu Kurt Jaras Meistermannschaft von 2000 bis 2002 zählte, nicht der einzige dieser Tiroler Erfolgszeit ist, der jetzt als Teamchef an vorderster Front steht. Der zweite heißt Stani Tschertschessow, sorgte letztes Jahr mit Russland bei der Heim-WM für ein kleines Sommermärchen. Tschertschessow hinterließ auch in Polen Spuren, als er mit Legia Warschau 2016 das Double gewann.

„Er war sehr ruhig und überlegt, konnte das Spiel lesen wie kein anderer“, erinnert sich Jara an den ehemaligen Schützling und nunmehrigen Teamchef. Von dem ein damaliger Mitspieler, nämlich Zoran Barisic sagt: „Sehr guter Techniker, sehr guter Taktiker, charakterlich top. Wie er als Trainer tickt, das weiß ich allerdings nicht.“ Das kann auch Foda nur ahnen. Umgekehrt wird sich Brzeczek besser in  die Pläne von Österreichs Teamchef hineindenken können: Schließlich war Foda von 2002 bis 2004 sein Trainer bei Sturm Graz.

Was der 48jährige Brzeczek Foda voraus hat: Einen Klassestürmer zu viel. An Kapitän Robert Lewandowski (Bild oben), der in 102 Länderspielen 55 Tore erzielte, in der deutschen Bundesliga 198, so viel wie kein anderer Ausländer, führt kein Weg vorbei. Bleibt die Wahl zwischen Milans Jerzy Piatek (19 Tore in der Serie A) und Napolis Arkadius Milik (15 Tore). Ein Luxusproblem für Brzeczek, dessen weitere Schlüsselspieler Jan Bednarek, der 22jährige Innenverteidiger von Southampton, dort nicht wegzudenken seit Ralph Hasenhüttl sein Trainer ist, im Mittelfeld  Napolis Piotr Zielinski und Routinier Grzegorz Krychowiak von Lok Moskau (zuvor bei Paris St.Germain, Westbromwich, FC Sevilla) sind. In Polen wollen einige wissen, dass die Chemie zwischen Teamchef und Kapitän nicht ganz in Ordnung ist. Da wäre Brzeczek nicht der erste Trainer, der mit Lewandowskis Ego Probleme bekommt.

Lewandowski zu neutralisieren, ist natürlich ein zentrales Thema bei Österreich. „Es wäre fatal, uns nur auf ihn zu konzentrieren. Denn es gibt auch andere, die uns weh tun könnten“, glaubt Aleksandar Dragovic. Am besten kennt Lewandowski sein Mitspieler bei Bayern München, David Alaba, über dessen Einsatzfähigkeit wegen seinen gereizten Sehne in Nähe des Ischiasnervs vermutlich erst am Matchtag entschieden wird, auch wenn er selbst am Dienstag Entwarnung gab.  Könnte auch in der Absicht Fodas sein, Kollegen Brzeczek etwas im unklaren zu lassen.

Alaba verriet im „Corner“,  dem offiziellen ÖFB-Magazin, dass er Lewandowski in München bereits ankündigte, das es für ihn und sein Team nicht einfach wird, in Wien zu bestehen. „Lewy“ zu stoppen, sieht Alaba als schwierige Aufgabe:“Er kann den Ball halten, ist technisch unglaublich versiert,  hat Abschlussqualitäten, die der Wahnsinn sind! Vor dem Tor ist er eiskalt.“ Aber Alaba gab sich überzeugt, dass Österreichs Defensive das Zeug hat, Lewandowski unter Kontrolle zu bringen. Mit Viererabwehr wären dies wohl Dragovic und Martin Hinteregger, bei drei Innenverteidiger vielleicht  Neuling Stefan Posch dazu.

Dragovic und Hinteregger haben in der Bundesliga mehrmals gegen Lewandowski gespielt, Hinteregger zu seinen Augsburg-Zeiten. Jetzt bei Eintracht Frankfurt ist der Kärntner aber in der besten Phase seiner Karriere: Elf spiele hintereinander ohne Niederlage, zwei wichtige Tore erzielt. In der Europa League gegen Schachtjor Donezk, letzten Sonntag gegen Nürnberg. Das sicherte drei Punkte. Unter Landsmann Adi Hütter läuft es eben prächtig für den 26jährigen. Da gibt es keinen Stress wie Ende Jänner in Augsburg mit Trainer Manuel Baum. Viele vermuteten Kalkül hinter Hintereggers verbalen Attacken, um einen Wintertransfer zu erzwingen. War es aber nicht. Ihm fiel es immer schon schwer, sich zu verstellen, seine Meinung für sich zu behalten: „Wenn sich Dinge aufstauen, bin ich einer, bei dem es dann raus muss.  Ich kann mich nicht verstellen, das ist mein Problem. Wenn ich etwas auf dem Herzen habe, dann sage ich das halt.“

War schon in Salzburger Zeiten zu. Etwa 2013, als die Wiener Austria in Richtung Meistertitel unterwegs war und er behauptete, die Austrianer würden sich wegen der Salzburger Aufholjagd „eh schon anschießen“. Darauf gab´s kein positives Echo, sondern das Gegenteil. Austria wurde Meister. Der Streit mit Baum war nicht Hintereggers Erster mit einer Autoritätsperson. Nach der 2015 unter Peter Zeidler (jetzt Trainer bei St.Gallen) verpassten Salzburger Qualifikation zur Champions League kritisierte er Spiel und Taktik mit „Schülerliga-Niveau“. Der Streit zwischen beiden zog sich durch den Herbst. Zeidler wurde entlassen, Hinteregger wechselte auf Leihbasis nach Mönchengladbach. Auch der von ihm konsequent verweigerte Wechsel von Salzburg zu RB Leipzig passte ins Bild.

Bei Augsburg entwickelte sich Hinteregger ab 2016 zu einem der konstantesten Innenverteidiger der Bundesliga. Vorbei die Zeiten mit langem Abenden vor morgendlichen Trainings, mit leeren Patronen im Jägerrucksack bei Flughafenkontrollen. Er ist nicht mehr so wie früher „jung und dumm“, wie er das im Rückblick selbst nannte. Als Hinteregger erstmals unter Hütter Speier war, sah er 2014/15 dreimal bei Salzburg die rote Karte. Jetzt hat er sich rasch als auffälliger Leistungsträger etabliert, der auch bei der höheren medialen Aufmerksamkeit, die es in Frankfurt im Vergleich zum eher beschaulichen Augsburg gibt, bisher noh nicht verbal ausrutschte. Obwohl er nicht nur „Politiker-Geschwafel“, wie es Hinteregger nennt, von sich geben will. Zu Frankfurt fiel ihm letzten Sonntag vor den ARD-Kameras ein: „Da fightet einer für den anderen, nimmt einer den anderen mit. Überragend.“

So soll es auch in seinem 38. Länderspiel sein.  Gegen Lewandowski wird er bei dem Erfolgsrezept bleiben, das er in Frankfurt hat: Er lässt sich vom Video-Analysten, der  beim Team Christian Heidenreich heißt, die Sequenzen mit typischen Szenen der möglichen Gegenspieler, ihren Stärken zusammenschneiden, sieht sich die mehrmals an. Zum letzte Mal drei, vier Stunden vor dem Anpfiff. Dann weiß er noch mehr über Lewandowski als von den bisherigen Spielen mit Augsburg gegen Bayern. Praktisch alles. Ganz Österreich hofft, dass es Hintereggers zwölftes Spiel hintereinander ohne Niederlage wird.

Foto: © PZPN Media.

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