Fußball

Schon im Dezember droht die 2:0-Gala in Vergessenheit zu geraten

Riesenfrust im Europameisterland Italien nach der ersten Niederlage gegen Österreich seit 62 Jahren: „Am Tag der WM-Eröffnung bricht Italien zusammen“ stand in der rosa Fußballbibel, der „Gazzetta dello Sport“ zu lesen. In den anderen Blättern war von einer großen Blamage, einer Demütigung durch Österreich und einer Squadra, die nur ein Schatten ihrer selbst war, zu lesen. Ganz anders die Stimmung in Österreich. Das 2:0 scheint wieder etwas Ähnliches wie Euphorie ausgelöst zu haben. Vielleicht sogar schon wieder etwas zu viel. Nicht beim Teamchef. Ralf Rangnick ließ im ORF-Interview (Bild oben) nach Schlusspfiff durchblicken, er würde sehr gerne den Prestigeerfolg, den größten seiner Ära, gegen den Klassenerhalt in der Nations League eintauschen. In der man seiner Meinung nach beim 1:1 gegen Frankreich und dem 1:2 gegen Dänemark ähnlich gut spielte wie gegen Italien, aber drei Punkte zu wenig holte. Und deshalb abstieg. Und das ist Vergangenheit. Für Rangnick anscheinend noch eine etwas unbewältigte.

Er verwies auch auf einige Ausfälle, die man zu verkraften hatte. Damit meinte er in erster Linie Konrad Laimer, mit dem RB Leipzig im Jänner wieder rechnete, Innenverteidiger Kevin Danso und vielleicht auch Dejan Ljubicic. Alle drei sind Spieler für das Zentrum. Dort hat Rangnick genug Alternativen. Weiterhin aber nicht an den Außenpositionen. Junior Adamu bewies, mit seiner Schnelligkeit und dank seines großen Laufpensums eine gute Ergänzung zu Marko Arnautovic zu sein. Das wird sich für die EM-Qualifikation nicht ändern. Ebenso Rangnicks Ansicht, dass es mit vier zentralen Mittelfeldspielern auch geht, wenn sie variabel agieren. Neue Lösungen für die Außenpositionen gibt es keine. In der Abwehr steht Christopher Trimmel parat. Bei Stefan Lainer, der sich in seinen bisher 38 Teameinsätzen schon bewährt hat, bleibt abzuwarten, ob sich an der Reservistenrolle bei Borussia Mönchengladbach etwas ändert. Wirklich erwarten kann man es nicht. Sein jüngerer Konkurrent Joe Scally spielt mit der USA bei der Weltmeisterschaft.

Rangnicks Kollege Roberto Mancini bezeichnete die Körperlichkeit als größte Qualität in Österreichs Team, was ihn überrascht habe. Vielleicht typisch dafür die Szene, wie Xaver Schlager vor seinem Führungstor gegen Marco Verratti den Ball erkämpfte. Nach Schlusspfiff versuchte Schlager, den Paris-Star davon zu überzeugen, dass dies korrekt war und kein Foul, wie Verratti und seine Mitspieler stürmisch reklamierten. Das gelang Schlager nicht. Daher ging er zum deutschen Schiedsrichter Christian Dingert, um von ihm nochmals zu hören, warum es kein Foul war. Österreichs Körperlichkeit litt etwas an den Austäuschen in den letzten 20 Minuten. Aber das änderte nichts, das Jahr 2022 zwar mit der ersten negativen Teambilanz seit sechs Jahren (drei Siege, ein Unentschieden, vier Niederlagen) zu beenden, aber auch mit einem lauten Signal für eine erfolgreiche Zukunft, wie Kapitän David Alaba zufrieden konstatierte. Das zeigt, was die Mannschaft nächstes Jahr vorhat: Zum dritten Mal hintereinander die EM-Qualifikation zu schaffen.

Aber im Dezember wird das Signal nicht mehr zu hören sein, wird die einstündige Gala vielleicht in Vergessenheit geraten. Ein erstes Indiz gab es bereits nicht einmal 24 Stunden nach Schlusspfiff im Prater, am Montagvormittag. Gerhard Götschhofer, der Chef des Landesverbands von Oberösterreich, lud das Präsidium zu einer informellen Aussprache nach Linz ein. Die soll am 2. Dezember stattfinden. Sicher geht es um die verworrene Situation nach  Vorwürfen gegen ÖFB-Präsident Gerhard Milletich, gegen die er sich bisher entgegen seiner Ankündigung bisher nicht mit einer Klage zur Wehr gesetzt haben dürfte. Über Götschhofer sagt man, dass er Dokumente in Hände haben soll, deren Veröffentlichung für Milletich nicht gut wäre. Dem Rechtsanwalt geht es in erster Linie darum, zu versuchen, die Gräben innerhalb das Präsidiums zuzuschütten, die sich wieder verstärkt haben. So wie zuletzt solel und könne es nicht weiter gehen. Denn zwei Wochen später soll das Präsidium ein 70 Millionen-Projekt, die Errichtung des ÖFB-Zentrums in Aspern, beschließen. Der Meinung von Götschhofer, dass dies nicht sinnvoll und zu bewältigen sei, wenn sich an den Differenzen unter den Landesverbandspräsidenten nichts ändert, kann man nicht widersprechen. Die Vernunft müsste siegen. Und wenn nicht? Dann wird nicht mehr vom 2:0 gegen Italien geschwärmt werden. Das auch bei den ORF-Quoten ein großer Sieg war: Mit 788.000 Zuschauern im Schnitt mehr als zuvor bei der WM-Eröffnung zwischen Katar und Ecuador (602.000). Das kam nicht überraschend. Aber Alaba & Co besiegten auch Thomas Gottschalk, der Samstagabend nur 657.000 Österreicher vor den Fernseher lockte.

Foto: Manchester United.

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