Fußball

Meine elf Weltmeisterschaften: Rod Stewart in den Slums von Mexiko City, ein Reiter auf der Autobahn, Grüße an Otto Baric

Von 1974 bis 2016 war ich bei allen elf Weltmeisterschaften live vor Ort.  1986 in Mexiko war die erste im Dienste der“Krone“.  Einer von zwei Berichterstattern. Was ich damals als große Auszeichnung empfand.  Der Cordoba-Urschei von Edi Finger begleitete mich nach Mexiko City. „I werd narrisch“ war zu hören in einem Kanal des Unterhaltungsprogramms des Lufthansa-Flugs. Aber acht Jahre später fehlte Österreich. An wen sollten man sich daher hängen? An die deutschen Nachbarn mit ihrem Teamchef Franz Beckenbauer, an die Ungarn, die Österreich die Qualifikation kosteten? Die Devise:  Verstärkt um das kümmern, was durch die TV-Übertragungen in der Heimat viel Interesse weckte. Bei Ungran fehlte derr rekonvaleszente Kapitän: Tibor Nyilasi, im Dienste der Wiener Austria, fehlte nach einer Bandscheibenoperation, sah nur im TV am Plattensee das schlimme 0:6-Debakel gegen die UdSSR. Bei Deutschland war der Star des FC Tirol, Hansi Müller, kein Thema. Das erste Spiel, das ich sah, sollte richtungsweisend sein: Diego Maradonas Supershow beim 3:1 Argentiniens gegen Südkorea. Humpelnd kam er mit Teamchef Carlos Bilardo zur Pressekonferenz. Die Jagd auf die Nummer 10 hatte begonnen. Aber den ersten Jubelsalto von Real Madrids Torjäger Hugo Sanchez, der Jahre später für den FC Linz stürmte, bei Mexikos 2:1 über die harmlosen Belgier zu erleben, war das größere Erlebnis. Der Begeisterungstaumel in den Straßen hielt sogar einen Vergleich mit dem in Buenos Aires nach Argentiniens WM-Titel 1978 stand. Schon fünf Stunden vor dem Anpfiff  waren 3000 organisierte Einpeitscher im Aztekenstadion. 100.000 Fans, meist in der Nationalfarben Grün-Weiß-Rot gekleidet, fielen wie ein Mann in die Schlachtrufe ein. Bei jedem mexikanischen Spielzug donnernde „Ole“-Rufe, das Riesenstadion wirkte wie ein ungeheurerer Schalltrichter. Mit der Zeit lernte ich den schwierigen Schlachtruf: „Chiquitibun, a la bin-bon ban, a la bo, a la bao, a la bin bon ban, Mexiko, Mexico, ra, ra, ra!“ Nach dem Match tanzten die Fans auf den Ladeflächen hoffnungslos überladener Frachtfahrzeuge, in den Straßen. Die Fahrt vom Aztekenstadion ins Zentrum dauerte mindestens zweieinhalb Stunden. Das“Mexiko, Mexiko, ra, ra, ra“ hallte noch sieben Stunden nach Abpfiff durch die Straßen rund um das Unabhängigkeitsdenkmal „El Angel“.

Ganz im Gegensatz dazu Dänemarks WM-Premiere im Nezahualcoyoti-Stadion, mitten in den Slums von Mexiko City. Für Journalisten gab es nur 100 Presseplätze, der Schweizer FIFA-Pressechef Guido Tognoni kaufte dem Organisationskomitee 200 Tribünenplätze ab, Die Betonschüssel in Neza, rund um die Betonschüssel des neuen WM-Stadion das Elendsviertel, es wirkte beklemmend. Nur Erd-und Schotterwege, in der Regenzeit ein einziger Morast. In dem Kinder mit dem Fetzenlaberl spielten. Die Armen bettelten um Geld, waren für jeden Peso dankbar. Der prominenteste schottische Fan, Popmillionär Rod Stewart, kam aus Los Angeles im Lear-Jet, kreuzte mit Limousine, Chauffeur und Leibwächtern im Armenhaus Neza auf. War über Schottlands 0:1 unendlich traurig. Und beim Wegfahren sprang der Luxusschlitten nicht an. Da mussten viele helfenden Hände der Menschen aus Neza her, um den Schaden zu beheben, Vordem Stadion tanzten Indios mit ihrem Kopfschmuck, ohne dann hineinzugehen. Nach der Pause spielte  eine Mariachi-Kapelle auf den Stehplätzen mexikanische Lieder, die zum Mitsingen einluden. So feierten diese Mexikaner ihr WM-Fest, Denn ins Azteken-Stadion konnten die Fans aus Neza nicht,

Dann der erste Besuch bei Deutschland und „Kaiser Franz“ Beckenbauer in Queretaro. Auf der Autobahn ein einmaliges Erlebnis: Ein Mexikaner kam mir entgegen geritten. Weder Pferd noch Reiter schien das zu irritieren. Das Ausweichmanöver sah nach Routine aus. Pannenstreifen gab´s in Mexiko keinen.  Beckenbauer quittierte das 2:1 gegen Schottland quittierte er mit einem wegwerfenden Handbewegung, blies dann den Spielern den Marsch: „Sieg und Aufstieg waren positiv, aber was ihr geboten habt, war Mist.“ Dementsprechend verunsichert wirkten die Stars in ihrem  Nobelquartier „Mansion Galindo“. Dort residierten auch die Journalisten, richtete Sponsor „Diners Club“ eine Lounge ein, in der die aus Deutschland gefaxten Zeitungskritiken an der Wand hingen. Die Spieler konnten tagtäglich lesen, dass sie daheim schwer durch den Kakao gezogen werden, Irgendwie wirkte das wie Masochismus. Speziell nach dem 0:2 gegen Dänemark im letzten Gruppenspiel, als Beckenbauer nicht seine Topbesetzung aufbot. Also war ich bei der ersten deutschen Niederlage Deutschland gegen Dänemarks seit 56 Jahren dabei. Aber der Teamchef der Sieger, der Deutsche Sepp Piontek, früher als eisenharter Verteidiger von Werder Bremen der Gegensatz zum Genie Beckenbauer, tobte:“Armselig, die Deutschen wollen nur Platz zwei, weil sie im Achtelfinale lieber auf Marokko treffen.“ Beckenbauer kommentierte das ironisch: „Der reagiert damit seine Minderwertigkeitskomplexe ab.“ Die Rechnung ging aber auf: Deutschland stolperte sich mit einem 1:0 gegen Marokko unter die letzten acht, Dänemark verabschiedete sich mit einem 1:5-Debakel gegen Spanien. Vierfacher Torschütze: Emilio Butragueno. Im November davor hatte er beim 0:0 gegen Österreich in Saragossa einen Elfmeter vergeben. Klaus Lindenberger hielt.

In Mexiko City traf ich bei Mexikos 2:0 über Bulgarien, beim Aufstieg ins Viertelfinale, der ein totales Chaos auslöste, den über das ungarische WM-Debakel todtraurigen Verbandschef György Szpesi, zuvor der populärste Hörfunkreporter seines Landes.  Nach dem Ausscheiden wollte er eine Bombe um Austria-Legionär Nyilasi  zünden, die sich auf die Ankündigung einer Untersuchung reduzierte. Da war die Audienz bei Belgiens Stargoalie Jean Marie Pfaff schon ergiebiger. Der Bayern-Keeper hielt in Puebla nach seinen Heldentaten beim 4:3 gegen die UdSSR im rosa Hawaihemd und in Badehose mit gleichem Design stundenlange Pressekonferenzen mit Journalisten aus aller Welt ab. Beantwortete meine Frage nach dem Torjäger seines nächsten Gegners Spanien mit: „Bu, Bu, Bu – was ist das?“ Dazu lachte er über das ganze Gesicht. Und meinte: „Drei geben den Ton an. Gerets, Ceulemans und ich. Das hat auch unser Jugstar Scifo zur Kenntnis nehmen müssen“. Ein Tormann als heimlicher Teamchef, der auch ein Gespräch mit Stürmer Nico Claesen vermittelte. Der richtete schöne Grüße an Rapids Trainer Otto Baric aus, der ihn beim VfB Stuttgart weggeschickt hatte, ehe er zu Rapid zurückkehrte: „Gut, ich war zu schlecht für ihn. Jetzt bin ich im Viertelfinale der WM. Schöne Grüße an ihn.“ Pfaff ermöglichte auch noch den Sieg über Spanien nach Elfmeterschießen.

Je länger die WM dauerte, desto schwerer wurde es, an Maradona heranzukommen. Selbst wenn man den ehemaligen deutschen Teamverteidiger Hans Novak, damals Chef von Maradonas Schuhausrüster Puma, gut kannte: „Ich hab´da zwei Schreibmaschinenseiten voll mit Wünschen an Maradona. Irgendwann ist doch der Ofen aus.“Das Viertelfinale mit Maradonas Gala beim 2:1  gegen England wuchs zu meinem persönlichen Highlight. Da gab´s die ersten Schlägereien durch die Emotionen aus dem Falklandkrieg, als argentinische Fans auf englische eindroschen. Die Polizei sah lange zu. Maradona bejubelte seine zwei Tore in vier Minuten mit hochgestreckten Fäusten in Richtung der Argentinien-Fans. Das erste erzielte er unbemerkt vom tunesischen Referee Bennacur und seinen Assistenten mit der Hand. Die Frage danach, beantwortete er auf der Pressekonferenz mit „es war die Hand Gottes“. Am Supersolo zum 2:0 (Bild unten) gab es nichts zu rütteln. Im Semifinale traf Maradona gegen Belgien und Pfaff auch zweimal zum 2:0. Was von Argentiniens 3:2 im Finale am miesten in Erinnerung blieb? Der Fehler des deutschen Keepers Toni Schumacher zu Argentiniens 1:0 und das Solo von Jorge Burruchaga zum WM-Titel, zwei Minuten nach Deutschlands Ausgleich zum 2:2. Und wie Beckenbauer nach dem Finale wieder ins Fettnäpfchen trat, mit dem „Schweinejournalismus“ in Deutschland abrechnete.

 

Foto: © FIFA (Getty Images).

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