Fußball

Kein Nationalstadion: Die Leo-Watschen hätte Windtner vermeiden können

Via „Standard“ erfuhr ÖFB-Präsident Leo Windtner von Wiens Kultur-und Sportstadtrat Andreas Mailath-Pokorny am Mittwoch, dass die Stadt keinesfalls das von ihm seit einem Jahr von Medien forcierte neue Nationalstadion bauen wird. Weder im Prater noch anderswo. Und schloss gar nicht aus, dass es auch keine Renovierung des sicher sanierungsbedürftigen Happel-Stadions geben wird. Zwar griff Mailath-Pokorny einen Tag später zum Telefon, versicherte Windtner, so wie es eben bei Politikern zur Routine gehört, dass einige Passagen des Interviews aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Und die in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie über die Renovierung ergebnisoffen sei. Das macht die ganze Sache aber wirklich nicht besser.

Man kann es drehen und wen wie man will: Das ist eine Watschen für den ÖFB-Präsidenten, die der sich leicht hätte ersparen können. Wenn er  die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und Realitäten zur Kenntnis genommen hätte. In wirtschaftlich nicht leichten Zeiten wie diesen kann es sich eine Stadt nicht leicht erlauben, eine dreistellige Millionensumme für den Nebau eines Stadions in die Hand zu nehmen, in dem künftig die Nationalmannschaft maximal sechs Spiele pro Jahr bestreiten, es sonst kaum Veranstaltungen geben würde. Vielleicht Spiele der Austria in der Champions League, sofern sich Violett nochmals für die Königsklasse qualifizieren sollte. Denn dann wäre ja auch die ausgebaute, neue Generali-Arena in Favoriten dafür zu klein. Rapid erklärte es ja bereits zum Evangelium, mit allen Spielen im neuen Allianz-Stadion in Hütteldorf zu bleiben, selbst wenn Grün-Weiß einmal in der Champions League gegen Barcelona und Messi spielen sollte, was man sich derzeit nur schwer vorstellen kann. Also muss man sich schon  fragen, ob es opportun wäre, nur für das Nationalteam und die Chance, einmal bei der UEFA den Zuschlag für  ein Endspiel in Champions oder Europa League zu bekommen, so viele Millionen für ein Stadion mit einem Fassungsraum von mehr als 50.000 Zuschauern auszugeben.

Den Wink mit dem Zaunpfahl bekam Windtner  vom Bürgermeister höchst persönlich. Als Michael Häupl  im Mai letzten Jahres Marcel  Koller im Rathaus das Goldene Verdienstkreuz der Stadt verlieh. Zu einem Zeitpunkt, als vor der EURO noch  Fußballeuphorie pur herrschte, der Teamchef fast heilig gesprochen worden wäre. Auch da brachte Windtner wie zuvor via Medien das Nationalstadion ins Gespräch. Häupl, der stets reserviert und grantig reagiert, wenn man ihm etwas über Medien mitteilt, bemerkte kühl, wenn der  ÖFB sich an den Kosten beteiligte, könnte man darüber nachdenken.

Windtner musste wissen, dass diese Beteiligung den Verband  finanziell überfordert, redete aber unverdrossen vom Nationalstadion weiter. Berichtete von positiven Gesprächen und Signalen aus dem Rathaus (da muss er offenbar einiges falsch eingeschätzt haben), setzte alles auf Sportminister Hans Peter Doskozil, den er als „bestens seit langem“ lobte. Aber selbst Doskozil  redete  mehr von einer Renovierung als vom Neubau. Windtner fühlte sich aber offenbar stark genug, das Nationalstadion durchzubringen.

Forderte im letzten „Corner“, dem offiziellen ÖFB-Magazin, mehr profesionelle Unterstützung für  Fußball in Österreich auf allen Ebenen. Redete im Interview mit ÖFB- Kommunikationschef Wolfgang Gramann, der nächsten Mittwoch in die Marketingabteilung wechseln wird, einer  Multifunktionsarena als zusätzliche Attraktivität in der Hauptstadt einmal mehr das Wort: „Ein neues Nationalstadion hat zwei Aspekte: zum einen die strukturelle Komponente. Wir haben in Österreich kein Stadion, das auf internationalem Niveau mithalten kann. Das Ernst Happel-Stadion wird den heutigen Standards bei weitem nicht mehr gerecht.  Zudem ist es auch kein echtes Fußballstadion. Daher brauchen wir einen Schritt nach vorne. Viele Länder haben es uns vorgemacht. Zum anderen gibt es den symbolischen Aspekt. Ein neues Nationalstadion schafft Identität und gibt dem Fußball einen neuen Stellenwert in der Gesellschaft.“

Das hat alles seine Richtigkeit, wurde aber an den entscheidenden Stellen anders gesehen. Und das ist eine Abfuhr, die weh tut, die Windtner zeigt, dass sein Wort in Wien nicht allzuviel gilt. Jetzt läßt man ihn in Sachen Renovierung auch noch zappeln. Aber das ist auch kein Ruhmesblatt für die Gemeinde, da selbst  Mailath-Pokorny zugab, einen Sanierungsbedarf zu orten. Eines steht ausser Diskussion: Das Happel-Stadion ist  neun Jahre später in einem schlechteren Zustand als bei der Heim-EURO 2008. Weniger Fassungsraum, nur eine Vidiwall etc. Ein Beweis für das Versagen der Politik, die diesen Zustand rasch beenden sollte. Mit einer vernünftigen Renovierung. Damit es Blamagen, wie den Verzicht der Millionenstadt um eine Bewerbung für Gruppenspiele bei der in ganz Europa ausgetragenen Euro 2020 künftig nicht mehr geben kann. Aber  um keine falschen Hoffnungen aufkommen zu lassen: Selbst nach einer Sanierung ohne Ausbau wird Wien kein Endspiel der Champions oder Europa League zu sehen bekommen. Nur das Match um den Supercup. Denn das vergibt die UEFA derzeit an Städte mit kleineren Stadien. Etwa zuletzt an Trondheim in Norwegen. Wien sollte anders sein.

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